Sie möchten die aktuellen Lese-Empfehlungen aus der Glockenbachbuchhandlung abonnieren? Dann melden Sie sich hier für unseren Newsletter an:

Mit der Anmeldung erklären Sie sich damit einverstanden, unseren Emailnewsletter zu erhalten und stimmen unserer Datenschutzerklärung zu. Sie können sich jederzeit abmelden.

Unsere August-Empfehlungen

Cora Wucherer: All die Farben, all das Licht

Cora Wucherer All die Farben, all das Licht GlockenbachbuchhandlungDer traumschöne Debütroman einer Münchener Autorin!

Im Mittelpunkt stehen die beiden Schwestern Juna, 17, und Martha, 13. Gemeinsam mit ihrem Vater, leben sie beengt in einer kleinen Wohnung in München-Giesing. Juna möchte, ihrem großen Idol Lotte Laserstein gleich, Malerin werden, jedoch leidet sie unter der seltenen Krankheit, dem Usher-Syndrom, und verliert nach und nach ihr Augenlicht. Die wenige Aufmerksamkeit, die der Vater, alleinerziehender Vollzeit-Altenpfleger, aufbringen kann, gilt demnach meist der älteren Tochter und Martha bleibt dahinter zurück. Das Verhältnis der beiden Schwestern ist sehr kühl bis gar nicht vorhanden, was mitunter auch am sehr aufbrausenden Temperament Junas liegt, dennoch schimmert immer wieder ein zartes Band von schwesterlicher Liebe durch. Und Martha, für mich die wahre Heldin der Geschichte, lässt sich nicht unterkriegen, mopst der großen Schwester ihren Ausweis und ergattert einen Job in einem kleinen Kino, der ihr nicht nur eine neue Unabhängigkeit bringt, sondern auch ganz besondere Freundschaften. Als es Juna schlechter geht, organisiert Martha einen Trip nach Malmö, der alles verändern wird …

Alex Capus: Querfeldein

Fast märchenhaft, mit viel Wärme und Humor erzählt Capus in diesem Roman eine kleineAlex Capus Querfeldein Glockenbachbuchhandlung Episode aus der Schweizer Geschichte, die große Kreise gezogen hat. Vor rund Hundert Jahren erwirbt der junge Arnold, Marke Hans-im-Glück, in einem Schweizer Dorf an der Grenze zu Deutschland einen Gasthof, der alsbald zum Mittelpunkt der dortigen Gemeinschaft wird. Anteil daran trägt auch seine Frau Betty, die mit ihrer freien und unbezähmbaren Art alle verzaubert. Gemeinsam bekommen die beiden acht Kinder und das Leben nimmt seinen Lauf. 1933 jedoch wendet sich das Blatt, als sich die älteste Tochter Clara in einen waghalsigen Schmuggler verliebt, der alsbald die Aufmerksamkeit der deutschen Uniformierten auf sich zieht. Was folgt ist ein Paradebeispiel, was möglich ist, wenn Zusammenhalt und der Wille zum Widerstand Hand in Hand gehen.

Treffender als auf der Rückseite des Buches zitiert, vermag ich es kaum ausdrücken:“ Capus kann anpacken, was er will. Immer zaubert er ein kleines Kunststück. Er versteht sich aufs historische Erzählen, er beherrscht das Melodrama, selbst die Liebesgeschichte ist bei ihm in besten Händen“ (Roman Bucheli, NZZ)

Dave Eggers: Contrapposto

Dave Eggers Contrapposto GlockenbachbuchhandlungDer Autor vom Welterfolg „The Circle“ ist nach jahrelanger Pause zurück und das mit einem Roman, der mit großer Erzählkunst, Detailreichtum und einer warmherzigen Liebe zu seinen Figuren daher kommt. 15 Jahre alt ist Cricket, die Hauptfigur des Romans, als wir ihn kennenlernen. Sein recht schrulliger Großvater ermutigt ihn, sein zeichnerisches Talent zu entwickeln, mit welchem er dem sonst recht tristen Alltag einer amerikanischen Kleinstadt entflieht. Einziger weiterer Lichtblick neben seiner künstlerischen Leidenschaft ist Olympia, ein schlaues, reichlich unangepasstes Mädchen in seinem Alter. Stets ermutigt sie Cricket, aus seinen Komfortzonen herauszutreten und auch mal verrückte Dinge zu wagen, und das wird sie ihr Leben lang tun. Sechseinhalb Jahrzehnte begleiten wir den Künstler und wiederkehrend auch Olympia auf ihrem Lebensweg, durch New York und Europa, durch Galerien und Künstlerkolonien, durch den internationalen Kunstbetrieb und durch ihr Leben.Contrapposto“ nimmt sich Zeit, Zeit zu erzählen, sich zu entfalten, seine Figuren kennen und lieben zu lernen. Es ist kein Plot getriebener Roman, und genau das macht ihn zu einem Lesegenuss der besonderen Art, konnte ich trotz der Muße keinerlei Längen feststellen. Ein Highlight: Immer wieder werden die im Text beschriebenen Zeichnungen als Abbildungen im Buch eingestreut, von Eggers selbst gestaltet. Ins Deutsche übertragen von einer meiner Lieblingsübersetzer*innen Andrea O´Brien.

Ruth-Maria Thomas: Die zweitgrößte Liebe

Was ein schrecklich-schönes Buch!!! Sätze mit Gänsehautfaktor und eineRuth-Maria Thomas Die zweitgrößte Liebe Glockenbachbuchhandlung Beziehungsgeschichte, die diesem Genre eine erfrischend neue, wenngleich auch bestürzende Perspektive verleiht.

Michelle, Anfang 30, ist mit ihrem Schmuckgeschäft in einer Kleinstadt im Osten Deutschlands bankrott gegangen. Nun wagt sie in einer neuen großen Stadt den Neuanfang und arbeitet in einem Luxushotel an der Rezeption, um ihre Schulden abzuarbeiten und irgendwie wieder auf einen grünen Zweig zu kommen. Dort lernt sie Henry kennen, charmant, unbedarft, weltgewandt, mit einem ganz anderen Background als Michelle. Die zwei verlieben sich ineinander, die Paardynamik bringt dieser Satz ganz gut auf den Punkt: „Er brauchte sie, damit es funkelte. Und sie brauchte ihn, um ungestört funkeln zu können“. Anfangs versucht Michelle noch vehement, ihre Unabhängigkeit zu bewahren, will sich nicht aushalten lassen, doch wie kann man zu einem sorgenfreien Leben Nein sagen, in welchem man nicht jeden Penny umzudrehen braucht … Aber natürlich ist da ein Haken bei der Sache. Ganz besonders gelungen ist der Perspektivwechsel, der den Financial Gap und die Dynamik zwischen den beiden eindrücklich und sehr klug herausarbeitet.

Unsere Juli-Empfehlungen

Madeline Cash: Verlorene Schäfchen

Madeline Cash Verlorene Schäfchen Glockenbachbuchhandlung

Ein herrlich unkonventioneller Familienroman!

Familie Flynn droht auseinanderzubrechen. Seit Mutter Catherine beschlossen hat, künftig eine offene Ehe leben zu wollen, haust Vater Bud im Auto in der Garage und versteht die Welt nicht mehr. In Miss Winkles kirchlicher Selbsthilfegruppe „Verlorene Schäfchen“ findet er schließlich eine Art Zuflucht. Die Töchter gehen ihre ganz eigenen Wege: Harper ist die jüngste, hochintelligent und hochgradig unterfordert – eine äußerst gefährliche Mischung … Louise, die mittlere, die sich unbeachtet in ihrem Baumhaus nur von einem fundamentalistischen Onlinelover verstanden fühlt und schließlich Abigail, die sich in einen schweigsamen Ex-Militär namens Wes verliebt. Alle diese Fäden laufen bei einem ominösen Tech-Milliardär namens Mr. Alabaster zusammen, und die Flynns trotz aller Meinungsverschiedenheiten zu Hochtouren auf. Ein rasanter, komischer und überaus lakonischer Roman, der unterhaltsame Lesezeit verspricht! Übersetzt aus dem Englischen von Sophie Zeitz.

Douglas Stuart: John of John

Mit seinem neuen Roman ist dem Autor von Shuggie Bain und Yung Mungo ein ganz großerDouglas Stuart John of John Glockenbachbuchhandlung Wurf gelungen! Er nimmt uns mit auf eine kleine und raue Insel auf den Hebriden in den 90er-Jahren, sturmgepeitscht, karg und mit mehr Schafen als Menschen darauf, schon mal ein großartiges Setting! Hier leben der Tweed-Weber John, seine Schwiegermutter Ella – und Carl, Johns Sohn, der mit grüngefärbten Haaren wieder aus Edinburgh nach Hause zurückgekehrt ist. Nach Hause in eine kleine Dorfgemeinschaft, in der Zusammenhalt, aber auch gewissen Regeln an der Tagesordnung sind. Dass Carl schwul ist, muss er verbergen, doch auch sein Vater trägt ein Geheimnis mit sich … Daniel Schreiber sagt dazu „Menschliche Wärme, die seltsam schöne Atmosphäre eines unwirtlichen Insellebens, eine große innere Spannung: Ein Roman, wie er nur alle zehn, fünfzehn Jahre vorkommt.“ Und das kann ich so nur unterschreiben! John of John ist ein sehr literarischer Roman, der sich Zeit nimmt, um zu erzählen und in dem man wunderbar versinken kann. Übersetzt aus dem Englischen von Sophie Zeitz.

Virginie Grimaldi: Unser Sommer endet nie

Virginie Grimaldi Unser Sommer endet nie GlockenbachbuchhandlungEin wunderbar lockerleichter Sommerroman aus dem Hause Eisele, ein kleiner Münchner Verlag mit dessen Büchern man eigentlich nie daneben liegt!

Die Schwestern Emma und Agatha verbringen einen letzten Sommer im französisch-baskischen Haus ihrer Großmutter, bevor dieses verkauft werden muss. Fünf Jahre haben sie sich nicht gesehen, fünf Jahre ungeklärtes Schweigen hängt zwischen den beiden grundsätzlich verschiedenen Frauen, und sie fangen langsam an, das Band wieder zu erneuern. Zwischen der heutigen Haupterzählung werden immer wieder Rückblicke in die jeweiligen Vergangenheiten eingestreut und so nimmt der/die Leser*in teil an Lachen und Streit, an geteilten Träumen und an der Leichtigkeit endloser Sommertage am Meer. Übersetzt aus dem Französischen von Sabine Schwenk.

Jacqueline Harpman: Ich, die ich Männer nicht kannte

Für alle, die gerne hochliterarische Dystopien und Gedankenspiele á la „Der Report derJacqueline Harpmann Ich, die ich Männer nicht kannte Glockenbachbuchhandlung Magd“ oder „Die Wand“ lesen!

Tief unter der Erde werden neununddreißig Frauen und ein junges Mädchen von sechs schweigsamen Männern in Uniform gefangen gehalten. Was geschehen ist und wie sie dahin gekommen sind, wissen die Frauen nicht, sie können sich nicht erinnern, haben jegliches Zeitgefühl verloren und nur noch eine vage Ahnung von ihrem alten Leben. Das Mädchen hat nicht einmal das, sie kennt nur das Leben im Käfig, und die aufkeimenden Fragen werden von den Frauen sofort erstickt. Eines Tages ertönt ein Alarm, und die Wachen verschwinden; die Tür steht offen und das junge Mädchen wagt den ersten Schritt. Doch anders als erhofft, finden die Frauen draußen eine Welt vor, die sie nicht wiedererkennen und in der sie lernen müssen, sich gemeinsam zurechtzufinden. Die neuübersetzte Wiederentdeckung von 1995 entwickelt einen Sog, dem man sich nicht entziehen kann. Was würde man/frau in derselben Lage tun? Wie ist ein Leben in absoluter Freiheit? Was bedeutet Menschsein? Ein Buch, das mit seinen Fragen sehr gut auch in unsere heutige Zeit passt! Übersetzt aus dem Französischen von Luca Homburg.

Unsere Juni-Empfehlungen

Martina Bogdahn: Mirabellentage

Martina Bogdahn Mirabellentage GlockenbachbuchhandlungMit großer Spannung habe ich auf den Nachfolger der Autorin gewartet, nachdem  uns ihr „Mühlensommer“ so ein sommerlich luftig-leichtes Leseerlebnis beschert hat! Und auch die Mirabellentage enttäuschen in keinster Weise! Denn wir bleiben in dem wunderbaren Kosmos aus Landleben und Sommergefühl und begleiten eine Frau, die ihr Leben auf einen Schlag hinterfragen muss und eine neue Sicht aufs Leben gewinnt. Die geordnete Welt von Anna, die Haushälterin des Dorfpfarrers, die ihre Erwähnung schon im „Mühlensommer fand“, gerät ins Wanken, als dieser überraschend verstirbt und ihr posthum auch noch einen sehr fragwürdigen Wunsch auferlegt, was mit seiner Asche zu geschehen hat. Der Vatikan schickt dazu prompt noch einen jungen Pfarrer, der aus dem hohen Norden kommt, und mit dem oberfränkischen Dorfleben so gar nichts am Hut hat.

Der Roman lebt von einem sehr warmherzigen und liebevollen Humor, von Landsommerduft und herrlich schrägen Gestalten – ein erfrischendes Leseerlebnis bei den derzeit heißen Temperaturen!

Alexandra Blöchl: Diesen Sommer springen wir

Fünf Jahre ist es her, seitdem der Vater der Familie Anders verschwunden ist. Fünf Jahre, inAlexandra Blöchl Diesen Sommer springen wir Glockenbachbuchhandlung denen die nun 17-jährige Olive ihren Schmerz und ihre Trauer hinter eine Mauer aus lakonischem Humor, Trotz und fantastischen Geschichten, die sie ihrem kleinen Bruder über den Verbleib des Vaters erzählt, versteckt hat. Am Tag seines Verschwindens waren ungewöhnlicherweise Polarlichter über der Kleinstadt zu sehen, welche die Bewohner*innen zum Anlass nehmen, um jedes Jahr ein Jubiläum an diesem Tag zu feiern. Für die vier Geschwister der Familie und ihrer seitdem lethargischen Mutter jedes Jahr ein Graus. Der Roman beginnt nun fünf Sommertage vor der erneuten Feier, fünf flirrend heiße Tage, die alles verändern, denn Olive hütet ein Geheimnis …

Olive ist großartig, ich liebe ihre Art, ihren Humor und die darunter versteckte Verletzlichkeit und ich habe atemlos verfolgt, was es denn nun mit diesem Geheimnis auf sich hat! Ein abwechslungsreicher Coming-of-Age-Roman mit einer sehr starken Hauptfigur!

Kira Mohn: Alle glücklich

Mutter, Vater, Sohn und Tochter. Friede, Freude, Eier und Kuchen … Nina ist die liebevolle Mutter und treusorgende Ehefrau, Alexander ist erfolgreicher Oberarzt, Tochter Nina auf dem Gymnasium und Sohn Ben studiert. NKira Mohn Alle glücklich Glockenbachbuchhandlungach außen hin alles sehr klassisch also und wunderbar konform mit den Regeln, die uns die Gesellschaft ja immer noch vorgibt, und ja, man könnte meinen, „alle glücklich“. Nach und nach allerdings lernen wir die Mitglieder einzeln kennen und erfahren, mit welchen Problemen sie jeweils zu kämpfen haben, kommen hinter ihre Geheimnisse und spüren, wie es anfängt, sich zusammenzubrauen, bis irgendwann alles eskaliert.

Ein Roman mit richtig Tiefgang, der genau wie Mohns Vorgängerroman „Die Nacht der Bärin“, noch lange nachhallt und zum Nachdenken anregt. Ihre Figuren sind niemals schwarz-weiß, ihr Zusammenspiel komplex und vielschichtig, eine Kunst, die die Romane von Kira Mohn ganz besonders machen!

Eva Pramschüfer: Weisser Sommer

Flirrend-atmosphärisch mit ganz viel französischem Flair: Alma und Théo möchten nochEva Pramschüfer Weisser Sommer Glockenbachbuchhandlung einmal einen Sommer im Haus von Almas Eltern verbringen, um herauszufinden, ob sie als Paar noch eine Chance haben. Die Liebe ist da, keine Frage, und dennoch liegt die Beziehung in Trümmern. Zu viele unterschiedliche Wünsche und Sehnsüchte, zu viel Ungesagtes und es stellt sich die Frage, ob man gemeinsam glücklich sein kann oder doch eher allein. Im Laufe des Romans lernen wir die beiden und ihre Geschichte besser kennen, wir leiden und lieben und hoffen mit ihnen. Ich mochte die Authentizität der Figuren sehr und noch viel mehr die Sprache des Romans – Literarisch, atmosphärisch und gleichermaßen leichtfüßig, ohne jemals an Tiefgang zu verlieren.

Unsere April-Empfehlungen

Dirk Gieselmann: Zeit ihres Lebens

Dirk Gieselmann Zeit ihres Lebens GlockenbachbuchhandlungDies ist keine bedeutende, die Welt umwälzende Liebesgeschichte, sondern eine zarte, leise, die dadurch doch nur umso größer wird. Die alleinstehende Grundschullehrerin Frieda trifft durch Zufall auf den verheirateten Handelsvertreter Georg, und die zwei verlieben sich auf den ersten Blick. Sie halten ihre Liebe über die Jahrzehnte geheim, treffen sich nur, wenn Georg auf Dienstreise in Friedas Heimatstadt ist. Was das mit den beiden macht, wie es sie verändert und in ihre Leben hineinwirkt erzählt Gieselmann teils humorvoll, teils melancholisch und mit einer großen Empfindsamkeit seinen Figuren gegenüber.

Anna Rosina Fischer: Freitauchen

Delphine kehrt nach sechs Jahren Funkstille zu ihrer Familie auf die kanarische Insel El Hierro zurück. Der Anlass: Ihr Zwillingsbruder ist beim Apnoetauchen tödlich verunglückt. In hitziger-flirrender Atmosphäre stellt sich Delphine sowohl ihrer Hippie-Familie, die allesAnna Rosina Fischer Freitauchen Glockenbachbuchhandlung unter einen bunten Teppich kehrt als auch ihren inneren Dämonen und der Trauer um ihren Bruder. Als wäre das noch nicht genug, fühlt sie sich stark zu Yann hingezogen, der ein Geheimnis zu verbergen scheint. Gleichermaßen sommerlich und intensiv erzählt Freitauchen vom Erwachsenwerden, von der Trauer und der Liebe, ohne an irgendeiner Stelle aufgesetzt zu wirken. Für mich absolut ein Roman zum Eintauchen und Abschalten.

Lukas Rietzschel: Sanditz

Lukas Rietzschel Sanditz GlockenbachbuchhandlungNeugierig ob der hymnischen Besprechungen wollte ich eigentlich nur mal meine Nase hineinstecken und dann konnte ich nicht mehr aufhören zu lesen. Die Geschichte setzt in den 1970ern ein und zieht sich über die Wendezeit in die von Corona, Ukrainekrieg und anderem geprägte Gegenwart. Dabei wird nicht chronologisch, sondern in Zeitsprüngen erzählt. Was den Roman neben der Erzählweise und der geschickten Konstruktion vor allem so reizvoll macht, sind seine Protagonist*innen und deren liebevolle und authentische Zeichnung. Durch die unterschiedlichen Geschichten der Sanditzer Bewohner*innen, deren Wünsche, Probleme und Familienhintergründe, entfaltet sich ein abwechslungsreiches Panorama, welches nicht nur bestens unterhält, sondern ein Stück deutscher Geschichte viel eindringlicher näherbringt als so manches Sachbuch.

Dror Mishani: Nicht

Der neue Roman vom Autor des Bestsellers „Drei“ hinterlässt mich wahrhaft verstört, aberDror Mishani Nicht Glockenbachbuchhandlung irgendwie auf eine gute Weise. Eli ist 52, Witwer, von Beruf Übersetzer und davon überzeugt, nicht noch einmal so eine große Liebe zu finden. Doch dann lernt er über ein befreundetes Paar die Cellistin Lia kennen und verliebt sich in sie. Der einzige andere „Mann“ in Lias Leben ist ihr Hund und absoluter Augenstern Felix. Erste zarte Bande werden geknüpft und alles scheint möglich. Doch dann unterläuft Eli ein fataler Fehler, den er Lia nicht zu gestehen traut und wir finden uns in einem Geflecht an Lügen wieder …

Unsere März-Empfehlungen

Markus Orths: Die Enthusiasten

Markus Orths Die Enthusiasten GlockenbachbuchhandlungWas für ein Feuerwerk an Ideen, Wortspielen, schrägen Figuren und rasanter Handlung! Ein Feuerwerk aus Liebe zur Literatur! Sie merken schon, dieser Roman hat mich restlos begeistert. Markus Orths ist hier eine turbulente Geschichte gelungen, die mitreißend erzählt und sprachlich die reinste Freude ist. Meisterhaft führt er uns Leser*innen in die Irre und flicht das eigene Schreiben auf einer zweiten Ebene mit ein.

Doch worum geht es eigentlich? Hauptprotagonist und Ich-Erzähler Vincent Bär, von seinen Wissenschaftskolleg*innen auch liebevoll „Dr. Shandy“ genannt, ist Literaturdozent und Laurence Sterne-Experte. Zum 250. Todestag des Autors, der mit seinem neunbändigen Werk „Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman“ das Genre des Romans revolutionierte, reist Vincent mit drei anderen Sterne-Anhänger*innen nach Coxwold an das Grab ihres Idols. Alle drei erreicht dort die Nachricht eines mysteriösen Morton Minellis, der doch glatt behauptet, einen zehnten Band von Tristram Shandy im Original zu besitzen! Und die irrwitzige Jagd nach dem literarischen Schatz beginnt. Unterwegs erzählt uns Vince immer wieder von seiner Familie, die Eltern so buchverrückt, dass sie für ihre Unmengen an Büchern sogar eine eigene Zwischendecke einziehen, die nach Bedarf heruntergelassen werden kann. Die Mutter verschwindet spurlos (was wäre eine Heldenreise ohne einen schmerzhaften Verlust in der Kindheit), der Vater fordert die Kinder tagtäglich heraus, aus der gewohnten Ausdrucksweise auszubrechen (Aus „Kann ich aufstehen?“ wird so z. B. „Dürfte mein Gesäß dem Polster entschweben?“) und Vince’ Geschwister frönen zwar nicht der Literaturwissenschaft, stecken aber all ihre Leidenschaft in andere ganz und gar alltagsuntaugliche Metiers. Das Ende der Geschichte ist fulminant und stellt alles bis dahin ge- und erlesene auf den Kopf, aber bitte, ergreifen Sie diesen Kosmos aus wimmelnden Lettern zwischen zwei Pappdeckeln mit ihren manuellen Werkzeugen und überzeugen sich selbst 😉

Anne Freytag: Laute Nächte

Eine WG in Wien. Darin wohnhaft: Paul, der seine Tenniskarriere an den Nagel hängenAnne Freytag Laute Nächte Glockenbachbuchhandlung musste, Julia, für die das Bonmot „Stille Wasser sind tief“ erfunden wurde, Elif, der das Herz auf der Zunge liegt und unter einer toxischen Beziehung leidet und Kenni, unser Ich-Erzähler – „Ach, Kenni“, so möchte man des Öfteren immer wieder seufzend ausrufen -, dessen Freundin bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist und nun auf der Flucht vor sich selbst und seinen Gefühlen ist. Im Laufe der Geschichte mogeln sich die Figuren direkt ins Leser*innenherz, man lacht, liebt, leidet und feiert mit ihnen. Wir begleiten Kenni abwechselnd in seinen 20er-, 30er- und 40er-Jahren, erleben seine Ohnmacht, seine Wut und seine Trauer über die Jahre hinweg. Aber auch ein langsames Aufbrechen der Mauern, hinter die er seine Gefühle gepackt hat, ein kaum merklicher Neuanfang.

Wie alle Romane von Anne Freytag üben auch die „Lauten Nächte“ einen Sog aus, dem man sich nicht entziehen kann. Ruhig und klar erzählt, die Charaktere so authentisch, dass man glaubt, sie schon lange zu kennen.

Florence Knapp: Die Namen

Florence Knapp Die Namen GlockenbachbuchhandlungDrei Namen, drei Geschichten, drei Lebenswege – und es stellt sich die Frage, wie sehr der Name, der uns gegeben wird, beeinflusst, wer wir sind.

Oktober 1987: Cora bekommt einen kleinen Sohn, der Vater Gordon möchte, das die Tradition seiner Familie am Leben erhalten bleibt, nach der alle Söhne wie der Vater heißen. Cora möchte dies nicht, sie will ihren kleinen Jungen lieber Julian nennen, befürchtet sie, ihr Sohn könne genauso gewalttätig werden wie der Vater. Maia möchte ihr Geschwisterchen gerne Bear nennen, sie wünscht sich einen kuscheligen und weichen, aber auch großen und starken Bruder. Geschickt konstruiert nehmen wir nun an drei unterschiedlichen Lebenswegen des Jungen sowie den anderen Familienmitgliedern teil und erfahren, wie es aller sieben Jahre um ihre Situation und ihren Werdegang bestellt ist. Der Roman ist ein unheimlich spannend geschriebenes Gedankenexperiment, sehr ergreifend, aber teilweise auch knallhart, wenn es zu den Szenen mit häuslicher Gewalt kommt.

Maxim Leo: Einatmen. Ausatmen.

Maxim Leos‘ neues Buch „Einatmen. Ausatmen.“ ist ein kurzweiliger, charmanter RomanMaxim Leo Einatmen Ausatmen Glockenbachbuchhandlung über menschliche Schwächen, das Coaching-Milieu und die große Suche nach uns selbst.

Marlene Buchholz, Topmanagerin bei einem großen Unternehmen, soll einen Vorstandsposten antreten. Allerdings offenbaren sich bei ihr große Mängel in Sachen Personalführung, es häufen sich Beschwerden über ihre Einfühlsamkeit den Mitarbeitenden gegenüber, oder mit ihren Worten: „Ein Unternehmen ist ja kein Montessori-Kindergarten“. Um sie für den nächsten Karriereschritt fit zu machen, wird sie kurzerhand von ihrem Chef Dr. Finkenstein zu einem Achtsamkeits-Seminar in einem Brandenburger Schloss verdonnert, oder einem „Umerziehungslager“ wie sie es nennt. Marlene, ganz Managerin, ist zwar superskeptisch, aber nimmt es, wie im Arbeitsleben, als Herausforderung an, wildentschlossen, auch in puncto Achtsamkeit zu glänzen. Dort trifft sie auf Alex Grow, Gründer der Academy und prominenter Businesscoach, und es entsteht ein amüsanter Schlagabtausch zwischen den beiden. Alex wiederum hat, so sehr er nach Außen den Anschein nach Gelassenheit gibt, mit seinen eigenen Dämonen zu kämpfen. Er leidet unter Panikattacken, die Bank sitzt ihm im Nacken und mit der Liebe läuft es auch nicht so recht. Außerdem tauchen unerwartet ein verletztes Wildschwein, eine junge Umweltaktivistin, ein zurückgezogen lebender Hausmeister auf und bringen nochmal richtig Schwung in die Geschichte.

Mir hat der Roman sehr gut gefallen, da er trotz der amüsanten Oberfläche den Protagonist*innen Tiefe verleiht und eine gewisse Wärme im Leser*innenherz zurücklässt. Dazu passend lässt Maxim Leo eine seiner Figuren das Gedicht von Berthold Brecht zitieren: „Ja, renn nur nach dem Glück. Doch renne nicht zu sehr! Denn alle rennen nach dem Glück. Das Glück rennt hinterher.“

 

Unsere Februar-Empfehlungen

Julia Wolf: Du, hier

Julia Wolf Du, hier Glockenbachbuchhandlung11 Stories über Frauen, die in der Mitte ihres Lebens stehen, aber die Mitte in ihnen selbst noch nicht so recht gefunden haben. Es kommt der Punkt im Leben einer jeden Frau, an dem sie sich fragt, ob sie der Rolle, in die sie hineingewachsen ist/wurde noch gerecht werden will. Oft äußert sich das in eigentlich wenig bedeutsamen Momenten, ganz unvermittelt, aber dann mit einem regelrechten Knall. Und so werden die Begegnung mit der besten Freundin aus Schultagen, die Prügelei mit einem Catcaller (das sind die unangenehmen Typen, die einem ungefragt irgendwelche fragwürdigen „Komplimente“ hinterherrufen) oder der Besuch im Haus der gerade verstorbenen Schwiegermutter zu Momenten, in denen sie vorgeprägte Wege verlassen. Viel genauer möchte ich gar nicht darauf eingehen, den jede Geschichte hat ihr ganz eigenes Überraschungsmomentum, lässt einen überrumpelt nach Luft schnappen, selbst wütend werden oder lauthals auflachen. Stilistisch ist das Ganze genial umgesetzt, ein literarischer Hochgenuss!

Petra Hucke: Unterwasserblau

Jessica verbringt gerade mit ihrer Schwiegerfamilie den Urlaub im Spreewald, als ein AnrufPetra Hucke Unterwasserblau Glockenbachbuchhandlung ihrer Halbschwester die Nachricht vom Tod ihres Vaters bringt. Und damit einen ganzen Schwall an Erinnerungen und Gefühle an ihre wenig schöne Kindheit, die vor allem vom Tod ihrer Zwillingsschwester mit anderthalb Jahren, der Kälte der Mutter und der Halbschwester sowie der häufigen Abwesenheit ihres Vaters geprägt wurde. Der komplette Gegenentwurf zur liebevollen Wärme, die ihr von der Familie ihres Mannes entgegengebracht wird. Plätschert die Geschichte anfangs an der Oberfläche, zieht uns die Autorin zügig in wildere Gewässer, bis wir ganz tief ins Unterwasserblau gespült werden. Ein klares Blau, das alles Verborgene offenlegt, denn nichts ist so wie es scheint. Ich mochte es sehr, wie der Roman die unterschiedlichsten Emotionen hervorbringt, so hat er absurde und lustige Momente, schockierende und knallharte und zutiefst berührende.

Katrin Zipse: Moosland

Katrin Zipse Moosland GlockenbachbuchhandlungKatrin Zipses neue Veröffentlichung Moosland hat mir sehr gut gefallen. Der Roman entführt die Leser*innen in das Jahr 1949, als Elsa gemeinsam mit 300 jungen Frauen nach Island kommt. Diese Frauen wurden durch den Schleswig-Holsteiner Bauernverband nach dem Krieg auf die Insel vermittelt, um dort zu arbeiten. Viele von ihnen sind vom Krieg traumatisiert und tragen die tiefe Trauer über den Verlust von Freund*innen und Angehörigen mit sich.

Elsa findet schließlich Aufnahme bei einer Bauernfamilie, deren Hof inmitten steiler Grashänge liegt. Die Landschaft öffnet sich zu einer Ebene, umgeben von sattem Grün. Doch nicht nur Elsa kämpft mit ihrer eigenen Sprachlosigkeit – auch die Familie verbirgt eine Geschichte, über die nicht gesprochen wird. Ein Foto, das die Bauernfamilie zusammen mit zwei Söhnen und einer jungen Frau zeigt, verschwindet plötzlich, nachdem Elsa darauf aufmerksam wurde. Mit Elsas Ankunft verändert sich nicht nur ihr eigenes Leben, sondern auch die Dynamik innerhalb der Familie. Die Beziehungen und die Atmosphäre auf dem Hof wandeln sich spürbar.

Inmitten der grandiosen, wilden isländischen Landschaft bleibt Katrin Zipse ganz nah an ihren Figuren. Die Leser fiebern mit Elsa und der Familie mit, wünscht man ihnen doch, trotz der täglichen harten Arbeit einen Weg aus all ihren Verletzungen zu finden.

Ein gelungener Roman über Neuanfang und der Verarbeitung von Kriegstraumata

Molly Keane: Das gute Benehmen

Dieser Roman ist das Porträt einer irischen Familie in den 1920er-Jahren und dieMolly Keane Das gute Benehmen Glockenbachbuchhandlung Geschichte einer Frau, die zwar weiß, wie sie zu sein hätte, es aber nicht ist. Aaron, Tochter aus gutem Hause, ist nicht das, was man von einer jungen Frau zu dieser Zeit erwartet. Ein wenig zu laut, ein wenig zu plump, sie versucht ihr Bestes, um Vater und Mutter zu genügen. Sie verliebt sich in den besten Freund ihres Bruders Hubert, nur um dann feststellen zu müssen, dass diese beiden eine Affäre miteinander haben. Als der Bruder bei einem Autounfall ums Leben kommt und ihre Eltern das Geld, was eigentlich eh nicht mehr vorhanden ist, zum Fenster raus werfen, reicht es ihr und sie beschließt, die Zügel selbst in die Hand zu nehmen … Für mich ein spitzzüngiges und geniales Downton Abbey in literarisch! Inspirierend ist auch die Geschichte der Autorin, die Anfang des 20. Jahrhunderts Romane unter einem männlich anmutenden Pseudonym veröffentlicht hat, danach 20 Jahre lang geschwiegen hat, um dann 1981 unter ihrem wahren Namen das bahnbrechende Comeback mit diesem hochgelobten Roman gewagt hat, obwohl ihr einige Verlage abgesagt hatten, da ihnen Aaron zu unlikeable gewesen ist. Im Vorwort von Tara-Louise Wittwer wird das auch näher beschrieben. Übersetzt von Bettina Abarbanell

Unsere Januar-Empfehlungen

Eva M. Bauer: Brennnesseltage

Eva M. Bauer Brennnesseltage GlockenbachbuchhandlungBabette ist eine junge Frau, es ist kurz vor Kriegsende, der Vater liegt im Sterben, der Bruder ist an der Ostfront verschollen. Mit einem unehelichen Kind unter dem Herzen kümmert sie sich um den Petererhof in den Bergen über dem Inntal. Es ist ein hartes und karges Leben, die Brennnesseln dienen ihr als Nahrung, Heilmittel und Tierfutter zugleich. Doch gleich der Pflanze ist auch Babette nicht kleinzukriegen, auch wenn sie einiges dafür opfern muss, sie nicht nur einmal bei den Männern in ihrem Leben aneckt.

Wir begleiten Babette und ihren Petererhof bis ins hohe Alter hinein, schweifen mit ihr durch Wälder und Wiesen, stellen uns die Frage nach Heimat oder Neuanfang und werden daran erinnert, welche unbedingten Vorzüge ein einfaches Leben im Rhythmus der Natur haben kann.

Jasmin Schreiber: Da, wo ich dich sehen kann

Wenn man den Werdegang der Autorin ein wenig mitverfolgt hat, weiß man, sie verstehtJasmin Schreiber Da, wo ich dich sehen kann Glockenbachbuchhandlung sich wirklich darauf, schwere Themen einfühlsam zu verpacken, nicht umsonst wurde ihr zu Herzen gehender Bestseller „Marianengraben“ mit Edgar Selge in der Hauptrolle verfilmt. Ihr neuer Roman ist harte Kost, behandelt er doch das Thema Femizid, welches leider an Aktualität gewinnt. Doch gibt es immer wieder Inseln des Trostes und der Hoffnung, sodass man gemeinsam mit den Protagonist*innen zwischendurch Mut schöpfen kann. Das sei schon mal vorangestellt. Erzählt wird die Geschichte der neunjährigen Maja, die ihre Mutter, Emma, vom Vater ermordet auffindet und nun bei den Eltern mütterlicherseits unterkommt. Man kann es sich vielleicht schon in Ansätzen vorstellen, was das mit einem Kind macht, welches auch noch zeitlebens durch den Vater manipuliert wurde. Ihr einziger Lichtblick ist Patentante Liv, Astrophysikerin und beste Freundin Emmas sowie Livs Hündin Cloé. Zusammen betrachten sie die Sterne, philosophieren über Paralleluniversen und bieten damit Ablenkung und Trost. Eine ganz große Stärke dieses Buches liegt auch in der Multiperspektive. So kommen nicht nur Emmas Eltern, Maja und Liv immer wieder zu Wort und schildern uns ihre Sicht auf das Geschehene, ihre Hilflosigkeit und Schuldgefühle, sondern auch in Rückblenden Emma selbst.

Jasmin Schreiber ist hier ein Buch gelungen, das in den Grundfesten erschüttert, sehr lange nachhallt und vor allem aufrüttelt.

Abbas Khider: Der letzte Sommer der Tauben

Abbas Khider Der letzte Sommer der Tauben GlockenbachbuchhandlungDer aufgeweckte Noah ist 14 Jahre alt und leidenschaftlicher Taubenzüchter. Doch dann wird das Kalifat ausgerufen und mit einem Schlag ändert sich alles. Die Frauen seiner Familie dürfen nicht mehr allein vor die Tür, sein Vater muss die Frauenkörper in seinen Modekatalogen schwärzen und bald schon steht auch das Leben seiner geliebten Tauben auf dem Spiel. Khider erzählt poetisch und mit feinsinnigem Humor vom Erwachsenwerden in einer von Willkür und Gewalt geprägten Gesellschaft. Ich habe das Buch regelrecht verschlungen, die Bilder, die Khider entwirft sind so plastisch, der Schreibstil ist ein Genuss und die Geschichte wirklich mitreißend erzählt.

Alena Schröder: Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel

Nach „Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“ und „Bei euch ist es immer so unheimlich still“ nun der krönende Abschluss der wunderbaren Familien-TrilogieAlena Schröder Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel Glockenbachbuchhandlung von Alena Schröder! Im ersten Band geht Hannah auf Spurensuche nach einem verschollenen Gemälde von Vermeer, in dessen Besitz die Familie einmal gewesen ist, mit Rückblenden ins Berlin der 1920er-Jahre. Der zweite Band erzählt die Geschichte von Hannahs Mutter Silvia, mit Rückblicken und die 1950er-Jahre und die Wendezeit.

Nun sind wir wieder bei Hannah: Die inzwischen 34jährige lebt 2023 gemeinsam mit ihrer besten Freundin Rubi in einer WG in Berlin, hat einen erfüllenden Job – soweit alles gut – doch dann taucht plötzlich Hannahs Vater auf, und nennt ganz andere Gründe für seine lange Abwesenheit als Hannahs Mutter und Großmutter. Gleichzeitig eröffnet ihr Rubi, schwanger zu sein und mit ihrem Partner aufs Land zu ziehen … Der zweite Erzählstrang führt uns nach Güstrow kurz nach Kriegsende 1945, wo Malerin Wilma die 14jährige Waise Marlen bei sich aufnimmt, im Gepäck das unscheinbare Porträt einer jungen Frau …

Der perfekte Abschluss einer sehr bewegenden Trilogie, die vier Frauengenerationen einer Familie begleitet, und damit ein ganz großes Stück deutscher Geschichte!

Unsere November-Empfehlungen

Walter Moers: Qwert

Walter Moers Qwert Glockenbachbuchhandlung

Nachdem der letzte Moers ein Erzählband mit ziemlich brutalen Geschichten war und der Roman davor so seine unschönen Längen hatte, ist „Qwert“ endlich mal wieder ein richtiger Moers so wie wir ihn kennen! Zum Wegschmeißen komisch, sprachlich ein Genuss mit ganz vielen Spielereien zum Entdecken und enträtseln sowie ein wahnwitziges Abenteuer, in das man so richtig schön hinabtauchen kann. Angelehnt ist die Geschichte rund um Ritter Qwert, ein Gallertprinz aus der 2364. Dimension, an die Ritterromane, die ihre Blütezeit im 16. Jahrhundert hatten. Qwert wird in ein Dimensionsloch gezogen und erwacht einigermaßen irritiert in der Parallelwelt Orméa im Körper des aus den Trivialromanen hinlänglich bekannten Helden Prinz Kaltbluth. Natürlich muss er gleich sehr ritterlich eine „Jungfrau in Nöten“ befreien, die sich hernach allerdings als brandgefährliche Janusmeduse entpuppt, die ganz Ormeá versteinern möchte. Von nun an hat Prinz Kaltbluth eine ritterliche Verpflichtung: Er muss Orméa von der entfesselten Meduse erlösen. Ungünstig nur, dass er sich gerade unsterblich in sie verliebt hat …

Marina Schwabe: Rift

Ein Roadmovie der ganz besonderen Art. Das Geschwisterpaar Zuzanna und Janko brichtMarina Schwabe Rift Glockenbachbuchhandlung zu einer gemeinsamen Reise quer durch die USA auf. Ziel ist der Pazifik, denn Janko ist todkrank und die Route von der Ost- zur Westküste zu fahren ist sein größter Traum. Mit 15 Dollar Tagesbudget beginnt das Abenteuer, während dessen Jankos Krankheit ihr Fortkommen immer wieder bremst und zugleich stärkster Antrieb ist. Das schmale Büchlein aus dem unabhängigen Steidl Verlag hat nur 160 Seiten und ist doch prall gefüllt mit gestochen scharfen und sehr schlauen Beobachtungen, ganz viel Natur und einer Offenheit und Liebe dem Leben gegenüber. Die Kraft der Geschichte ist auch in dem leisen Ton begründet, in welchem sie erzählt wird, der die Gefühle und Erlebnisse der beiden Geschwister und ihre Zuneigung zu einander warm einhüllt und tiefen Trost verspricht.

Verena Kessler: Gym

Verena Kessler Gym GlockenbachbuchhandlungMit diesem Roman sagen wir der Weihnachtsvöllerei den Kampf an – ab ins Fitnessstudio, eine Runde pumpen! Genau dies tut auch unsere Protagonistin, deren Leben wir betreten als sie ihren neuen Job im MEGA Gym antritt. Um diesen zu bekommen, hat sie Chef Ferhat, der stolzer Feminist ist, eine klitzekleine Notlüge serviert, sie hätte vor Kurzem entbunden und sei deswegen noch nicht ganz in Form. Blöd nur, dass sich ständig jemand nach dem Wohlbefinden des Nachwuchses erkundigt, aber auch das bekommt unsere Heldin in Leggins ganz gut geschaukelt … Glänzende Oberflächen, riesige Spiegel, gesund aussehende, vor Kraft strotzende Menschen, die vermeintlich glücklich vor sich hin schwitzen – während wir nach und nach mehr aus dem vorherigen Leben und Beruf der Protagonistin erfahren, gerät sie selbst immer mehr in den Fitnesswahn. Und als sie auf Bodybuilderin Vick trifft, nimmt das Schicksal dieser irrwitzigen und lakonischen Geschichte seinen Lauf …

Thomas Piketty, Michael J. Sandel: Die Kämpfe der Zukunft

In diesem Buch treten der französische Sozial -und Wirtschaftshistoriker Thomas PikettyThomas Piketty Michael J. Sandel Die Kämpfe der Zukunft Glockenbachbuchhandlung („Das Kapital im 21. Jahrhundert“) und der amerikanische Philosoph und Professor für Regierungslehre Michael J. Sandel in Dialog. Wichtige Fragen der Gegenwart, wie soziale und globale Gerechtigkeit, Migration, Besteuerung von Vermögen und die Zukunft linker Politik werden unter anderem besprochen. Die Beiden führen etliche Beispiele aus der Vergangenheit auf, die beweisen, dass wir in der Lage sind, bedeutsame Fortschritte wie Chancengleichheit, Arbeitsrecht und Steuergerechtigkeit zu erzielen. Warum sollten wir das nicht erneut schaffen können?

Was mich an diesem Dialog begeistert hat, ist die Eröffnung von Perspektiven auf wirtschaftspolitische Modelle und die damit verbundene Hoffnung auf eine Zivilgesellschaft, die mit Respekt und Anstand für einander eintreten kann (Eine Empfehlung von Mitarbeiterin Steph Schierholz). Übersetzt von Stefan Lorenzer

Unsere Oktober-Empfehlungen

Christopher Kloeble: Durch das Raue zu den Sternen

Christopher Kloeble Durch das Raue zu den Sternen GlockenbachbuchhandlungDie 13jährige Arkadia ist ein ganz besonderes Mädchen: musikalisch hochbegabt, mit reichlich Fantasie ausgestattet und einem Urvertrauen, dass ihr die Welt zu Füßen liegt und sie alles erreichen kann, was sie nur möchte. Ein Knabenchor ist nur für Jungs? Pah, das gilt nicht für Arkadia! Immerhin gilt es, auf eine große Bühne zu gelangen, um die Aufmerksamkeit ihrer verschwundenen Mutter zu erlangen und sie so nach Hause zurückzuholen. Stück für Stück erfahren wir Arkadias zu Herzen gehende Geschichte, eingekleidet in Sätze, in denen man baden möchte, so schön und treffend sind sie formuliert. Der lakonische Humor und Sprachwitz runden dieses fantastische Leseerlebnis perfekt ab! Wer die Bücher von Mariana Leky liebt, wird in diesem Roman auf jeden Fall ein neues Zuhause finden. Definitiv eines meiner Lieblingsbücher diesen Jahres!

Nelio Biedermann: Lázár

Der Roman des erst 22 Jahre alten Nelio Biedermann ist gleichzeitig in über 18 LändernNelio Biedermann Lazar Glockenbachbuchhandlung weltweit erschienen und hat bei den deutschen Buchhändler*innen für Begeisterungsstürme gesorgt! „Lázár“ behandelt die Familiengeschichte einer ungarischen Adelsfamilie – nämlich die Geschichte der Vorfahren des Autors höchstpersönlich –, die über mehrere Generationen hinweg bis in die 1950er-Jahre des 20. Jahrhunderts reicht. Es ist nicht nur ein Zeitzeugnis des Zusammenbruchs der österreichischen Monarchie, vom Nationalsozialismus oder von der Sowjetdiktatur, sondern vielmehr ein überaus gelungener und sprachgewaltiger Kostümfilm, der seine Figuren und Ereignisse oft märchenhaft und atmosphärisch beschreibt und dann wieder in aller Härte und kurzen Sätzen zuschlägt. Auf jeden Fall ein Leseerlebnis!

Nina George und Jens J. Kramer: Die magische Bibliothek der Buks

Nina George Jens J. Kramer Die magische Bibliothek der Buks GlockenbachbuchhandlungWir befinden uns in einer Gegenwart, in der Bücher verboten sind, die Kinder lernen auf elektronischen Geräten und träumen nicht mehr, da ihnen die Fantasie fehlt. Hat man doch mal einen Traum, so sollte das tunlichst verschwiegen werden, möchte man nicht auffallen. Versteckt in einer alten Villa hingegen befindet sich eine ganz besondere Bibliothek, die von Buchschutzgeistern bewahrt wird, den Buks. Da ist z. B. die Anführerin Queen Buk, der wilde Attila Buk oder die mutige Rebella Buk. Allerdings sind die Bücher in großer Gefahr, denn sie sind scheinbar von einer unheilbaren Krankheit befallen. Als das Verrückte Orakel prophezeit, dass Menschenkinder die Rettung bringen werden, ist die Aufregung groß. Tatsächlich tauchen kurze Zeit später die vier Freund*innen Finn, Nola, Mira und Thommy in der Villa auf und das Abenteuer nimmt seinen Lauf!

Die Geschichte hat mich restlos begeistert – es ist nicht nur ein spannendes Abenteuer und ein Hymne an das Lesen, sondern zwischen den Zeilen auch Kritik an unserer Gesellschaft, an dem Umgang mit unseren Kindern und der Vernachlässigung kultureller Werte zu Gunsten anderer Ressorts seitens der Politik. Es fördert spielerisch und behutsam die jungen Leser*innen auf, Dinge zu hinterfragen und zeigt, wie lohnenswert es ist, mutig zu sein, sich neuen Herausforderungen zu stellen und über sich hinauszuwachsen! Zum Schluss noch ein kleiner Hinweis, weil der Cliffhanger am Schluss schon ein bisschen fies ist – Band 2 gibt es schon und der dritte wird im Frühjahr folgen!

Céline Robert: Liaisons

Oh là là – jetzt wird très französisch! Fünf Menschen in Paris – Lauren und Jean, schonCeline Robert Liaisons Glockenbachbuchhandlung lange verheiratet, und das nicht unglücklich, sowie Nadia und Maxime, sie die klassische Schönheit, er der Prototyp des männlichen Aufreißers. Das Bindeglied zwischen den Paaren ist Babysitterin Emma, eine junge Studentin, mit einem unbedingten Glauben an ihr eigenes Glück. Jedes Mitglied dieses unterhaltsamen Liebesreigens darf mit seiner Sicht der Dinge zu Wort kommen und so entspinnt sich in fünf Kapiteln eine kurzweilige, charmante und vor allem knisternde Comédie-Française. Ein Roman über Macht, Begehren und Selbstbestimmung – Aber wahren Sie bitte stets den Schein! Übersetzt von Alexandra Baisch

Unsere September-Empfehlungen

Rebekka Frank: Stromlinien

Rebekka Frank Stromlinien GlockenbachbuchhandlungMit ihrem neuesten Roman legt Rebekka Frank eine Familiengeschichte über mehrere Generationen vor, die so spannend wie ein Krimi ist! Die beiden Zwillingsmädchen Enna und Jale wachsen naturverbunden bei ihrer Großmutter in den Elbmarschen auf – und zählen die Tage, bis ihre Mutter Alea aus der Haft entlassen wird, doch als es endlich soweit ist, verschwindet nicht nur Alea spurlos, sondern auch Jale. Bei ihrer Suche stößt Enna überall auf Mauern des Schweigens, irgendetwas muss in der Vergangenheit passiert sein, was so schwer wiegt, dass es niemand aussprechen möchte. Nach und nach erklären sich die Zusammenhänge, entfaltet sich die komplexe Geschichte der Frauen der Familie Egger in den Rückblicken der jeweiligen Vergangenheit. Mehr als nur einmal ist mir während der Lektüre ein erstauntes „Ah“ oder ein entsetztes „Nein!“ entfahren, wenn wieder ein neues Puzzleteil aufgedeckt wurde. In den spannenden Plot geschickt hinein geflochten sind gesellschaftliche Themen wie Umwelt, soziale Ungerechtigkeit und die Rolle der Frau. Für mich ist der Roman dem internationalen Bestseller „Der Gesang der Flusskrebse“ durchweg ebenbürtig!

Ralf Westhoff: Niemals nichts

Mit „Niemals Nichts“ legt der Münchener Regisseur (u. a. „Shoppen“) erstmalig einenRalf Westhoff Niemals Nichts Glockenbachbuchhandlung Roman vor – und was für einen! Sanft, zutiefst menschlich und erdend mit vielen ganz wunderbaren Sätzen und einer inne liegenden Weisheit.

Es ist Anfang des 19. Jahrhunderts. Liza und Maximilian, die sich schon von Kindesbeinen an kennen, heiraten, die Bauernhöfe ihrer Familien liegen direkt nebeneinander, es ist eine Zweckehe. Maximilians Vater hat seinen Hof beliehen und ist mit dem Geld verschwunden, er wollte noch nie Bauer sein, sondern in den neuen Landen der Musik nachjagen. Liza und Maximilian stehen vor dem Abgrund, kennen sich mit Bankwesen und Juristerei nicht aus, um ihren Hof vor dem Nepp der Kornhändler zu verteidigen. Doch in Liza erwacht der Kampfgeist und während die beiden jungen Leute lernen, wachsen und neue Wege beschreiten, wächst auch ihr Liebe wie eine zarte Pflanze. Gerade in unseren turbulenten Zeiten, ist dieser Roman eine wahre Wohltat für die Seele und bringt ganz viel innere Ruhe!

Rebecca F. Kuang: Katabasis

Rebecca F. Kuang Katabasis GlockenbachbuchhandlungIm Urlaub bin ich mal wieder meinem Faible für High Fantasy nachgekommen und wieder schwer begeistert von Rebecca F. Kuangs neuestem Ouevre! Die Autorin ist gerade mal 29 Jahre alt, hat in Cambridge, Oxford und Yale studiert und für ihre Vorgängerbücher schon zahlreiche Awards eingeheimst. Ihre Studienzeit verarbeitet sie nun in Katabasis: Alice Law ist Studentin der Analytischen Magie an der Universität Cambridge, ihr Doktorvater der berühmt-berüchtigte Jacob Grimes. Als dieser an einem Unfall stirbt, an welchem sie sich nicht ganz unbeteiligt fühlt, beschließt sie, in die Unterwelt hinabzusteigen und Grimes aus der Hölle zu befreien. Ungünstig nur, dass ihr Kommilitone und Konkurrent Peter Murdoch auf dieselbe Idee gekommen ist. Mit Berichten von Dante, Orpheus und T. S. Eliot im Gepäck brechen die beiden auf, dennoch hält die Unterwelt so einige Überraschungen parat und Magie ist nicht immer die Lösung auf alles. Das Erstaunliche bei Kuang ist immer, dass nichts dem Zufall überlassen wird, alles ist bis aufs Kleinste durchdacht und je tiefer man in die Materie einsteigt, desto mehr Hinweise und Verbindungen tun sich auf. Sie vereint in Katabasis Philosophie mit Humor, Naturwissenschaften mit Mystik und kritisiert gleichermaßen den Universitätsbetrieb und seine veralteten Vorstellungen, gerade was Frauen in den Wissenschaften anbelangt. Katabasis stammt aus dem Altgriechischen und beschreibt die Heldenreise in die Unterwelt – die Reise mit Alice und Peter dorthin ist ein fulminantes Spektakel, durchzogen von Rätseln und Formeln, die allesamt ein höllisches Vergnügen bereiten, sie auszuknobeln und zu hinterfragen!

Minna Rytisalo: Zwischen zwei Leben

In Finnland wird dieser leise Roman jetzt schon als feministisches Manifest gehandelt, mirMinna Rytisalo Zwischen zwei Leben Glockenbachbuchhandlung hat besonders gut die Herangehensweise an das Thema des Älterwerdens als Frau gefallen. Als die Kinder aus dem Haus sind beendet Jenni Mäki von einem Tag auf den anderen ihre unglückliche Ehe mit Jussi und wagt als Jenny Hill den Neuanfang. Stets an ihrer Seite ist dabei ein Chor an weiblichen Märchenfiguren, die Jenni schon seit ihrer Kindheit begleiten und scharfzüngig die Ansprüche kommentieren, denen Mädchen und Frauen immer noch gerecht werden sollen. Nach und nach erfahren wir so z. B. auch die wahre Geschichte von Rapunzel, Aschenputtel, Rotkäppchen und Co. Eine sehr kluge Geschichte über eine Frau, die in der Mitte ihres Lebens nochmal neu anfängt und zu sich zurückfindet und ein intelligentes Gedankenspiel, auf welchen wahren Begebenheiten die gängigen Märchen und ihre Figuren beruhen könnten.

Unsere August-Empfehlungen

Jacqueline Kornmüller: 6 aus 49

Jacqueline Kornmüller 6 aus 49 GlockenbachbuchhandlungLina, die Großmutter der Autorin, tritt Ende der 1920er-Jahre als junge Frau ihren Dienst im legendären Hotel Clausing in Garmisch an, noch bevor der Ort mittels eines Bindestriches für immer mit Partenkirchen verbunden sein wird. Sie ist in bitterer Armut aufgewachsen und das soll ihr und ihren Lieben nie wieder passieren. Wie viele Frauen in dieser Zeit ist sie durch harte Arbeit und viel Erfindergeist ihres eigenen Glückes Schmiedin – und überzeugt, dass dieses immer mit ihr ist. So verhilft ihr der Zufall auch bald zu einem eigenen Hotel, der Amalie, und trotz der kommenden schicksalsschweren und arbeitsreichen Jahre wird dieses ein voller Erfolg. Nebenbei spielt Lina leidenschaftlich Systemlotto, denn das Glück ist ja mit ihr, wieso also auch nicht hierbei …

Der Sprachstil dieses Romans ist erfrischend eigenwillig und es gibt sprachlich wie auch inhaltlich ganz viel zu entdecken! Jacqueline spielt mit den Wörtern wie ihre Großmutter mit den Lottozahlen – gekonnt, wagemutig und angefüllt mit Reichtum. Denn dieser Roman ist reich an Heimatgeschichte, reich an starken Frauen, reich an zu Herzen gehenden Schicksalen und vor allem reich an fabelhaftestem Sprachwitz. Ein wunderbares Denkmal für eine außergewöhnliche Frau und damit auch irgendwie ein Denkmal für all die Linas, die es auch in unseren Familien gegeben hat!

Nina George: Die Passantin

Also diese Autorin macht mich fertig! Sie schreibt schon sehr lange ganz wunderbareNina George Die Passantin Glockenbachbuchhandlung Romane („Das Lavendelzimmer“ ist eines ihrer bekanntesten), vor Kurzem hat sie mich mit dem Jugendroman „Die magische Bibliothek der Buks“ vom Hocker gehauen und jetzt kommt ein Roman, der so was von eindringlich unter die Haut geht, dass ich mich frage, wie dies alles aus ein und derselben Feder stammen kann!

Jeanne Patout ist eine weltweit bekannte französische Schauspielerin. Nach einem Dreh in Barcelona steht sie am Flughafen und merkt, sie kann einfach nicht mehr in ihr Leben zurück, zurück zu ihrem herrischen Ehemann, und all den Zwängen, die damit einhergehen. Sie schlüpft nach dem Boarding durch eine Baustelle und hinein in die Anonymität der Gassen Barcelonas und wird von einer Gruppe von Frauen aufgenommen, denen das Schicksal übel mitgespielt hat. Das Flugzeug, in dem Jeanne offiziell sitzt, stürzt in den Alpen ab und alle Welt, inkl. ihres Mannes und der zwei erwachsenen Töchter glaubt an ihren Tod. Jeanne baut sich ein neues Leben auf und in Rückblenden erfahren wir Stück für Stück ihre Geschichte – bis sie vier Jahre später zufällig in der La Rambla ihrem Mann wieder begegnet … Raffiniert komponiert und spannend bis zum Schluss!

Chris Broad: Abroad in Japan

Chris Broad: Abroad in Japan GlockenbachbuchhandlungChris Broad ist 22, als er für das Internationale Austauschprogramm JET nach Japan reisen darf. Dort soll er Englisch unterrichten. Große Anforderungen an die japanischen Lehrkräfte, die Englisch unterrichteten, gab es anscheinend nicht. Man musste zwar ein paar schriftliche Prüfungen ablegen, aber keinerlei Sprachpraxis vorweisen. „Chris ist ein London“, so wurde er in den ersten Stunden den Schüler*innen vorgestellt. In der Schulklasse ist vor allem darauf zu achten, dass niemand beschämt wird und man sich gegenseitig unterstützt. Ein kleines Nickerchen am Tisch wird als Beweis der harten Arbeit angesehen und mit Verständnis betrachtet. Doch nicht nur das irritierte ihn, er hatte zwar in London schon Sushi gegessen, aber auf „Shiokara“ ist er nicht vorbereitet. Die fermentierten Tintenfischinnereien hat er genau ein Mal bestellt. Er ist unerfahren, ohne Sprachkenntnisse, ohne Plan, auch unerschrocken und mit ganz viel Humor ausgestattet und so nimmt er uns mit auf eine sehr persönliche, humorvolle Reise durch Japan. Zu meiner Freude schreckt Chris wirklich vor nichts zurück! Im Hostess Club erlebt er die Kunst der teuren Begleitung, im Liebeshotel will es nicht klappen und ein Besuch im Onsen mit einer Wassertemperatur von 46 Grad wird auch nicht als Genuss empfunden. Wie gerne habe ich Chris Broad auf seiner Reise durch die 47 unterschiedlichen Präfekturen begleitet! Er ist nach den zwei vereinbarten Jahren nicht zurück nach England gegangen, sondern ist im Land geblieben und hat einen der größten YouTube-Kanäle in Japan. Mein guter Rat an Sie: Lesen, lachen, buchen. So habe ich es gemacht. Übersetzt aus dem Englischen von Jörn Pinnow (Ein persönlicher Tipp von Petra Schulz).