Unsere März-Empfehlungen
Markus Orths: Die Enthusiasten
Was für ein Feuerwerk an Ideen, Wortspielen, schrägen Figuren und rasanter Handlung! Ein Feuerwerk aus Liebe zur Literatur! Sie merken schon, dieser Roman hat mich restlos begeistert. Markus Orths ist hier eine turbulente Geschichte gelungen, die mitreißend erzählt und sprachlich die reinste Freude ist. Meisterhaft führt er uns Leser*innen in die Irre und flicht das eigene Schreiben auf einer zweiten Ebene mit ein.
Doch worum geht es eigentlich? Hauptprotagonist und Ich-Erzähler Vincent Bär, von seinen Wissenschaftskolleg*innen auch liebevoll „Dr. Shandy“ genannt, ist Literaturdozent und Laurence Sterne-Experte. Zum 250. Todestag des Autors, der mit seinem neunbändigen Werk „Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman“ das Genre des Romans revolutionierte, reist Vincent mit drei anderen Sterne-Anhänger*innen nach Coxwold an das Grab ihres Idols. Alle drei erreicht dort die Nachricht eines mysteriösen Morton Minellis, der doch glatt behauptet, einen zehnten Band von Tristram Shandy im Original zu besitzen! Und die irrwitzige Jagd nach dem literarischen Schatz beginnt. Unterwegs erzählt uns Vince immer wieder von seiner Familie, die Eltern so buchverrückt, dass sie für ihre Unmengen an Büchern sogar eine eigene Zwischendecke einziehen, die nach Bedarf heruntergelassen werden kann. Die Mutter verschwindet spurlos (was wäre eine Heldenreise ohne einen schmerzhaften Verlust in der Kindheit), der Vater fordert die Kinder tagtäglich heraus, aus der gewohnten Ausdrucksweise auszubrechen (Aus „Kann ich aufstehen?“ wird so z. B. „Dürfte mein Gesäß dem Polster entschweben?“) und Vince’ Geschwister frönen zwar nicht der Literaturwissenschaft, stecken aber all ihre Leidenschaft in andere ganz und gar alltagsuntaugliche Metiers. Das Ende der Geschichte ist fulminant und stellt alles bis dahin ge- und erlesene auf den Kopf, aber bitte, ergreifen Sie diesen Kosmos aus wimmelnden Lettern zwischen zwei Pappdeckeln mit ihren manuellen Werkzeugen und überzeugen sich selbst 😉
Anne Freytag: Laute Nächte
Eine WG in Wien. Darin wohnhaft: Paul, der seine Tenniskarriere an den Nagel hängen
musste, Julia, für die das Bonmot „Stille Wasser sind tief“ erfunden wurde, Elif, der das Herz auf der Zunge liegt und unter einer toxischen Beziehung leidet und Kenni, unser Ich-Erzähler – „Ach, Kenni“, so möchte man des Öfteren immer wieder seufzend ausrufen -, dessen Freundin bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist und nun auf der Flucht vor sich selbst und seinen Gefühlen ist. Im Laufe der Geschichte mogeln sich die Figuren direkt ins Leser*innenherz, man lacht, liebt, leidet und feiert mit ihnen. Wir begleiten Kenni abwechselnd in seinen 20er-, 30er- und 40er-Jahren, erleben seine Ohnmacht, seine Wut und seine Trauer über die Jahre hinweg. Aber auch ein langsames Aufbrechen der Mauern, hinter die er seine Gefühle gepackt hat, ein kaum merklicher Neuanfang.
Wie alle Romane von Anne Freytag üben auch die „Lauten Nächte“ einen Sog aus, dem man sich nicht entziehen kann. Ruhig und klar erzählt, die Charaktere so authentisch, dass man glaubt, sie schon lange zu kennen.
Florence Knapp: Die Namen
Drei Namen, drei Geschichten, drei Lebenswege – und es stellt sich die Frage, wie sehr der Name, der uns gegeben wird, beeinflusst, wer wir sind.
Oktober 1987: Cora bekommt einen kleinen Sohn, der Vater Gordon möchte, das die Tradition seiner Familie am Leben erhalten bleibt, nach der alle Söhne wie der Vater heißen. Cora möchte dies nicht, sie will ihren kleinen Jungen lieber Julian nennen, befürchtet sie, ihr Sohn könne genauso gewalttätig werden wie der Vater. Maia möchte ihr Geschwisterchen gerne Bear nennen, sie wünscht sich einen kuscheligen und weichen, aber auch großen und starken Bruder. Geschickt konstruiert nehmen wir nun an drei unterschiedlichen Lebenswegen des Jungen sowie den anderen Familienmitgliedern teil und erfahren, wie es aller sieben Jahre um ihre Situation und ihren Werdegang bestellt ist. Der Roman ist ein unheimlich spannend geschriebenes Gedankenexperiment, sehr ergreifend, aber teilweise auch knallhart, wenn es zu den Szenen mit häuslicher Gewalt kommt.
Maxim Leo: Einatmen. Ausatmen.
Maxim Leos‘ neues Buch „Einatmen. Ausatmen.“ ist ein kurzweiliger, charmanter Roman
über menschliche Schwächen, das Coaching-Milieu und die große Suche nach uns selbst.
Marlene Buchholz, Topmanagerin bei einem großen Unternehmen, soll einen Vorstandsposten antreten. Allerdings offenbaren sich bei ihr große Mängel in Sachen Personalführung, es häufen sich Beschwerden über ihre Einfühlsamkeit den Mitarbeitenden gegenüber, oder mit ihren Worten: „Ein Unternehmen ist ja kein Montessori-Kindergarten“. Um sie für den nächsten Karriereschritt fit zu machen, wird sie kurzerhand von ihrem Chef Dr. Finkenstein zu einem Achtsamkeits-Seminar in einem Brandenburger Schloss verdonnert, oder einem „Umerziehungslager“ wie sie es nennt. Marlene, ganz Managerin, ist zwar superskeptisch, aber nimmt es, wie im Arbeitsleben, als Herausforderung an, wildentschlossen, auch in puncto Achtsamkeit zu glänzen. Dort trifft sie auf Alex Grow, Gründer der Academy und prominenter Businesscoach, und es entsteht ein amüsanter Schlagabtausch zwischen den beiden. Alex wiederum hat, so sehr er nach Außen den Anschein nach Gelassenheit gibt, mit seinen eigenen Dämonen zu kämpfen. Er leidet unter Panikattacken, die Bank sitzt ihm im Nacken und mit der Liebe läuft es auch nicht so recht. Außerdem tauchen unerwartet ein verletztes Wildschwein, eine junge Umweltaktivistin, ein zurückgezogen lebender Hausmeister auf und bringen nochmal richtig Schwung in die Geschichte.
Mir hat der Roman sehr gut gefallen, da er trotz der amüsanten Oberfläche den Protagonist*innen Tiefe verleiht und eine gewisse Wärme im Leser*innenherz zurücklässt. Dazu passend lässt Maxim Leo eine seiner Figuren das Gedicht von Berthold Brecht zitieren: „Ja, renn nur nach dem Glück. Doch renne nicht zu sehr! Denn alle rennen nach dem Glück. Das Glück rennt hinterher.“
Unsere Februar-Empfehlungen
Julia Wolf: Du, hier
11 Stories über Frauen, die in der Mitte ihres Lebens stehen, aber die Mitte in ihnen selbst noch nicht so recht gefunden haben. Es kommt der Punkt im Leben einer jeden Frau, an dem sie sich fragt, ob sie der Rolle, in die sie hineingewachsen ist/wurde noch gerecht werden will. Oft äußert sich das in eigentlich wenig bedeutsamen Momenten, ganz unvermittelt, aber dann mit einem regelrechten Knall. Und so werden die Begegnung mit der besten Freundin aus Schultagen, die Prügelei mit einem Catcaller (das sind die unangenehmen Typen, die einem ungefragt irgendwelche fragwürdigen „Komplimente“ hinterherrufen) oder der Besuch im Haus der gerade verstorbenen Schwiegermutter zu Momenten, in denen sie vorgeprägte Wege verlassen. Viel genauer möchte ich gar nicht darauf eingehen, den jede Geschichte hat ihr ganz eigenes Überraschungsmomentum, lässt einen überrumpelt nach Luft schnappen, selbst wütend werden oder lauthals auflachen. Stilistisch ist das Ganze genial umgesetzt, ein literarischer Hochgenuss!
Petra Hucke: Unterwasserblau
Jessica verbringt gerade mit ihrer Schwiegerfamilie den Urlaub im Spreewald, als ein Anruf
ihrer Halbschwester die Nachricht vom Tod ihres Vaters bringt. Und damit einen ganzen Schwall an Erinnerungen und Gefühle an ihre wenig schöne Kindheit, die vor allem vom Tod ihrer Zwillingsschwester mit anderthalb Jahren, der Kälte der Mutter und der Halbschwester sowie der häufigen Abwesenheit ihres Vaters geprägt wurde. Der komplette Gegenentwurf zur liebevollen Wärme, die ihr von der Familie ihres Mannes entgegengebracht wird. Plätschert die Geschichte anfangs an der Oberfläche, zieht uns die Autorin zügig in wildere Gewässer, bis wir ganz tief ins Unterwasserblau gespült werden. Ein klares Blau, das alles Verborgene offenlegt, denn nichts ist so wie es scheint. Ich mochte es sehr, wie der Roman die unterschiedlichsten Emotionen hervorbringt, so hat er absurde und lustige Momente, schockierende und knallharte und zutiefst berührende.
Katrin Zipse: Moosland
Katrin Zipses neue Veröffentlichung Moosland hat mir sehr gut gefallen. Der Roman entführt die Leser*innen in das Jahr 1949, als Elsa gemeinsam mit 300 jungen Frauen nach Island kommt. Diese Frauen wurden durch den Schleswig-Holsteiner Bauernverband nach dem Krieg auf die Insel vermittelt, um dort zu arbeiten. Viele von ihnen sind vom Krieg traumatisiert und tragen die tiefe Trauer über den Verlust von Freund*innen und Angehörigen mit sich.
Elsa findet schließlich Aufnahme bei einer Bauernfamilie, deren Hof inmitten steiler Grashänge liegt. Die Landschaft öffnet sich zu einer Ebene, umgeben von sattem Grün. Doch nicht nur Elsa kämpft mit ihrer eigenen Sprachlosigkeit – auch die Familie verbirgt eine Geschichte, über die nicht gesprochen wird. Ein Foto, das die Bauernfamilie zusammen mit zwei Söhnen und einer jungen Frau zeigt, verschwindet plötzlich, nachdem Elsa darauf aufmerksam wurde. Mit Elsas Ankunft verändert sich nicht nur ihr eigenes Leben, sondern auch die Dynamik innerhalb der Familie. Die Beziehungen und die Atmosphäre auf dem Hof wandeln sich spürbar.
Inmitten der grandiosen, wilden isländischen Landschaft bleibt Katrin Zipse ganz nah an ihren Figuren. Die Leser fiebern mit Elsa und der Familie mit, wünscht man ihnen doch, trotz der täglichen harten Arbeit einen Weg aus all ihren Verletzungen zu finden.
Ein gelungener Roman über Neuanfang und der Verarbeitung von Kriegstraumata
Molly Keane: Das gute Benehmen
Dieser Roman ist das Porträt einer irischen Familie in den 1920er-Jahren und die
Geschichte einer Frau, die zwar weiß, wie sie zu sein hätte, es aber nicht ist. Aaron, Tochter aus gutem Hause, ist nicht das, was man von einer jungen Frau zu dieser Zeit erwartet. Ein wenig zu laut, ein wenig zu plump, sie versucht ihr Bestes, um Vater und Mutter zu genügen. Sie verliebt sich in den besten Freund ihres Bruders Hubert, nur um dann feststellen zu müssen, dass diese beiden eine Affäre miteinander haben. Als der Bruder bei einem Autounfall ums Leben kommt und ihre Eltern das Geld, was eigentlich eh nicht mehr vorhanden ist, zum Fenster raus werfen, reicht es ihr und sie beschließt, die Zügel selbst in die Hand zu nehmen … Für mich ein spitzzüngiges und geniales Downton Abbey in literarisch! Inspirierend ist auch die Geschichte der Autorin, die Anfang des 20. Jahrhunderts Romane unter einem männlich anmutenden Pseudonym veröffentlicht hat, danach 20 Jahre lang geschwiegen hat, um dann 1981 unter ihrem wahren Namen das bahnbrechende Comeback mit diesem hochgelobten Roman gewagt hat, obwohl ihr einige Verlage abgesagt hatten, da ihnen Aaron zu unlikeable gewesen ist. Im Vorwort von Tara-Louise Wittwer wird das auch näher beschrieben. Übersetzt von Bettina Abarbanell
Unsere Januar-Empfehlungen
Eva M. Bauer: Brennnesseltage
Babette ist eine junge Frau, es ist kurz vor Kriegsende, der Vater liegt im Sterben, der Bruder ist an der Ostfront verschollen. Mit einem unehelichen Kind unter dem Herzen kümmert sie sich um den Petererhof in den Bergen über dem Inntal. Es ist ein hartes und karges Leben, die Brennnesseln dienen ihr als Nahrung, Heilmittel und Tierfutter zugleich. Doch gleich der Pflanze ist auch Babette nicht kleinzukriegen, auch wenn sie einiges dafür opfern muss, sie nicht nur einmal bei den Männern in ihrem Leben aneckt.
Wir begleiten Babette und ihren Petererhof bis ins hohe Alter hinein, schweifen mit ihr durch Wälder und Wiesen, stellen uns die Frage nach Heimat oder Neuanfang und werden daran erinnert, welche unbedingten Vorzüge ein einfaches Leben im Rhythmus der Natur haben kann.
Jasmin Schreiber: Da, wo ich dich sehen kann
Wenn man den Werdegang der Autorin ein wenig mitverfolgt hat, weiß man, sie versteht
sich wirklich darauf, schwere Themen einfühlsam zu verpacken, nicht umsonst wurde ihr zu Herzen gehender Bestseller „Marianengraben“ mit Edgar Selge in der Hauptrolle verfilmt. Ihr neuer Roman ist harte Kost, behandelt er doch das Thema Femizid, welches leider an Aktualität gewinnt. Doch gibt es immer wieder Inseln des Trostes und der Hoffnung, sodass man gemeinsam mit den Protagonist*innen zwischendurch Mut schöpfen kann. Das sei schon mal vorangestellt. Erzählt wird die Geschichte der neunjährigen Maja, die ihre Mutter, Emma, vom Vater ermordet auffindet und nun bei den Eltern mütterlicherseits unterkommt. Man kann es sich vielleicht schon in Ansätzen vorstellen, was das mit einem Kind macht, welches auch noch zeitlebens durch den Vater manipuliert wurde. Ihr einziger Lichtblick ist Patentante Liv, Astrophysikerin und beste Freundin Emmas sowie Livs Hündin Cloé. Zusammen betrachten sie die Sterne, philosophieren über Paralleluniversen und bieten damit Ablenkung und Trost. Eine ganz große Stärke dieses Buches liegt auch in der Multiperspektive. So kommen nicht nur Emmas Eltern, Maja und Liv immer wieder zu Wort und schildern uns ihre Sicht auf das Geschehene, ihre Hilflosigkeit und Schuldgefühle, sondern auch in Rückblenden Emma selbst.
Jasmin Schreiber ist hier ein Buch gelungen, das in den Grundfesten erschüttert, sehr lange nachhallt und vor allem aufrüttelt.
Abbas Khider: Der letzte Sommer der Tauben
Der aufgeweckte Noah ist 14 Jahre alt und leidenschaftlicher Taubenzüchter. Doch dann wird das Kalifat ausgerufen und mit einem Schlag ändert sich alles. Die Frauen seiner Familie dürfen nicht mehr allein vor die Tür, sein Vater muss die Frauenkörper in seinen Modekatalogen schwärzen und bald schon steht auch das Leben seiner geliebten Tauben auf dem Spiel. Khider erzählt poetisch und mit feinsinnigem Humor vom Erwachsenwerden in einer von Willkür und Gewalt geprägten Gesellschaft. Ich habe das Buch regelrecht verschlungen, die Bilder, die Khider entwirft sind so plastisch, der Schreibstil ist ein Genuss und die Geschichte wirklich mitreißend erzählt.
Alena Schröder: Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel
Nach „Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“ und „Bei euch ist es immer so unheimlich still“ nun der krönende Abschluss der wunderbaren Familien-Trilogie
von Alena Schröder! Im ersten Band geht Hannah auf Spurensuche nach einem verschollenen Gemälde von Vermeer, in dessen Besitz die Familie einmal gewesen ist, mit Rückblenden ins Berlin der 1920er-Jahre. Der zweite Band erzählt die Geschichte von Hannahs Mutter Silvia, mit Rückblicken und die 1950er-Jahre und die Wendezeit.
Nun sind wir wieder bei Hannah: Die inzwischen 34jährige lebt 2023 gemeinsam mit ihrer besten Freundin Rubi in einer WG in Berlin, hat einen erfüllenden Job – soweit alles gut – doch dann taucht plötzlich Hannahs Vater auf, und nennt ganz andere Gründe für seine lange Abwesenheit als Hannahs Mutter und Großmutter. Gleichzeitig eröffnet ihr Rubi, schwanger zu sein und mit ihrem Partner aufs Land zu ziehen … Der zweite Erzählstrang führt uns nach Güstrow kurz nach Kriegsende 1945, wo Malerin Wilma die 14jährige Waise Marlen bei sich aufnimmt, im Gepäck das unscheinbare Porträt einer jungen Frau …
Der perfekte Abschluss einer sehr bewegenden Trilogie, die vier Frauengenerationen einer Familie begleitet, und damit ein ganz großes Stück deutscher Geschichte!
Unsere November-Empfehlungen
Walter Moers: Qwert
Nachdem der letzte Moers ein Erzählband mit ziemlich brutalen Geschichten war und der Roman davor so seine unschönen Längen hatte, ist „Qwert“ endlich mal wieder ein richtiger Moers so wie wir ihn kennen! Zum Wegschmeißen komisch, sprachlich ein Genuss mit ganz vielen Spielereien zum Entdecken und enträtseln sowie ein wahnwitziges Abenteuer, in das man so richtig schön hinabtauchen kann. Angelehnt ist die Geschichte rund um Ritter Qwert, ein Gallertprinz aus der 2364. Dimension, an die Ritterromane, die ihre Blütezeit im 16. Jahrhundert hatten. Qwert wird in ein Dimensionsloch gezogen und erwacht einigermaßen irritiert in der Parallelwelt Orméa im Körper des aus den Trivialromanen hinlänglich bekannten Helden Prinz Kaltbluth. Natürlich muss er gleich sehr ritterlich eine „Jungfrau in Nöten“ befreien, die sich hernach allerdings als brandgefährliche Janusmeduse entpuppt, die ganz Ormeá versteinern möchte. Von nun an hat Prinz Kaltbluth eine ritterliche Verpflichtung: Er muss Orméa von der entfesselten Meduse erlösen. Ungünstig nur, dass er sich gerade unsterblich in sie verliebt hat …
Marina Schwabe: Rift
Ein Roadmovie der ganz besonderen Art. Das Geschwisterpaar Zuzanna und Janko bricht
zu einer gemeinsamen Reise quer durch die USA auf. Ziel ist der Pazifik, denn Janko ist todkrank und die Route von der Ost- zur Westküste zu fahren ist sein größter Traum. Mit 15 Dollar Tagesbudget beginnt das Abenteuer, während dessen Jankos Krankheit ihr Fortkommen immer wieder bremst und zugleich stärkster Antrieb ist. Das schmale Büchlein aus dem unabhängigen Steidl Verlag hat nur 160 Seiten und ist doch prall gefüllt mit gestochen scharfen und sehr schlauen Beobachtungen, ganz viel Natur und einer Offenheit und Liebe dem Leben gegenüber. Die Kraft der Geschichte ist auch in dem leisen Ton begründet, in welchem sie erzählt wird, der die Gefühle und Erlebnisse der beiden Geschwister und ihre Zuneigung zu einander warm einhüllt und tiefen Trost verspricht.
Verena Kessler: Gym
Mit diesem Roman sagen wir der Weihnachtsvöllerei den Kampf an – ab ins Fitnessstudio, eine Runde pumpen! Genau dies tut auch unsere Protagonistin, deren Leben wir betreten als sie ihren neuen Job im MEGA Gym antritt. Um diesen zu bekommen, hat sie Chef Ferhat, der stolzer Feminist ist, eine klitzekleine Notlüge serviert, sie hätte vor Kurzem entbunden und sei deswegen noch nicht ganz in Form. Blöd nur, dass sich ständig jemand nach dem Wohlbefinden des Nachwuchses erkundigt, aber auch das bekommt unsere Heldin in Leggins ganz gut geschaukelt … Glänzende Oberflächen, riesige Spiegel, gesund aussehende, vor Kraft strotzende Menschen, die vermeintlich glücklich vor sich hin schwitzen – während wir nach und nach mehr aus dem vorherigen Leben und Beruf der Protagonistin erfahren, gerät sie selbst immer mehr in den Fitnesswahn. Und als sie auf Bodybuilderin Vick trifft, nimmt das Schicksal dieser irrwitzigen und lakonischen Geschichte seinen Lauf …
Thomas Piketty, Michael J. Sandel: Die Kämpfe der Zukunft
In diesem Buch treten der französische Sozial -und Wirtschaftshistoriker Thomas Piketty
(„Das Kapital im 21. Jahrhundert“) und der amerikanische Philosoph und Professor für Regierungslehre Michael J. Sandel in Dialog. Wichtige Fragen der Gegenwart, wie soziale und globale Gerechtigkeit, Migration, Besteuerung von Vermögen und die Zukunft linker Politik werden unter anderem besprochen. Die Beiden führen etliche Beispiele aus der Vergangenheit auf, die beweisen, dass wir in der Lage sind, bedeutsame Fortschritte wie Chancengleichheit, Arbeitsrecht und Steuergerechtigkeit zu erzielen. Warum sollten wir das nicht erneut schaffen können?
Was mich an diesem Dialog begeistert hat, ist die Eröffnung von Perspektiven auf wirtschaftspolitische Modelle und die damit verbundene Hoffnung auf eine Zivilgesellschaft, die mit Respekt und Anstand für einander eintreten kann (Eine Empfehlung von Mitarbeiterin Steph Schierholz). Übersetzt von Stefan Lorenzer
Unsere Oktober-Empfehlungen
Christopher Kloeble: Durch das Raue zu den Sternen
Die 13jährige Arkadia ist ein ganz besonderes Mädchen: musikalisch hochbegabt, mit reichlich Fantasie ausgestattet und einem Urvertrauen, dass ihr die Welt zu Füßen liegt und sie alles erreichen kann, was sie nur möchte. Ein Knabenchor ist nur für Jungs? Pah, das gilt nicht für Arkadia! Immerhin gilt es, auf eine große Bühne zu gelangen, um die Aufmerksamkeit ihrer verschwundenen Mutter zu erlangen und sie so nach Hause zurückzuholen. Stück für Stück erfahren wir Arkadias zu Herzen gehende Geschichte, eingekleidet in Sätze, in denen man baden möchte, so schön und treffend sind sie formuliert. Der lakonische Humor und Sprachwitz runden dieses fantastische Leseerlebnis perfekt ab! Wer die Bücher von Mariana Leky liebt, wird in diesem Roman auf jeden Fall ein neues Zuhause finden. Definitiv eines meiner Lieblingsbücher diesen Jahres!
Nelio Biedermann: Lázár
Der Roman des erst 22 Jahre alten Nelio Biedermann ist gleichzeitig in über 18 Ländern
weltweit erschienen und hat bei den deutschen Buchhändler*innen für Begeisterungsstürme gesorgt! „Lázár“ behandelt die Familiengeschichte einer ungarischen Adelsfamilie – nämlich die Geschichte der Vorfahren des Autors höchstpersönlich –, die über mehrere Generationen hinweg bis in die 1950er-Jahre des 20. Jahrhunderts reicht. Es ist nicht nur ein Zeitzeugnis des Zusammenbruchs der österreichischen Monarchie, vom Nationalsozialismus oder von der Sowjetdiktatur, sondern vielmehr ein überaus gelungener und sprachgewaltiger Kostümfilm, der seine Figuren und Ereignisse oft märchenhaft und atmosphärisch beschreibt und dann wieder in aller Härte und kurzen Sätzen zuschlägt. Auf jeden Fall ein Leseerlebnis!
Nina George und Jens J. Kramer: Die magische Bibliothek der Buks
Wir befinden uns in einer Gegenwart, in der Bücher verboten sind, die Kinder lernen auf elektronischen Geräten und träumen nicht mehr, da ihnen die Fantasie fehlt. Hat man doch mal einen Traum, so sollte das tunlichst verschwiegen werden, möchte man nicht auffallen. Versteckt in einer alten Villa hingegen befindet sich eine ganz besondere Bibliothek, die von Buchschutzgeistern bewahrt wird, den Buks. Da ist z. B. die Anführerin Queen Buk, der wilde Attila Buk oder die mutige Rebella Buk. Allerdings sind die Bücher in großer Gefahr, denn sie sind scheinbar von einer unheilbaren Krankheit befallen. Als das Verrückte Orakel prophezeit, dass Menschenkinder die Rettung bringen werden, ist die Aufregung groß. Tatsächlich tauchen kurze Zeit später die vier Freund*innen Finn, Nola, Mira und Thommy in der Villa auf und das Abenteuer nimmt seinen Lauf!
Die Geschichte hat mich restlos begeistert – es ist nicht nur ein spannendes Abenteuer und ein Hymne an das Lesen, sondern zwischen den Zeilen auch Kritik an unserer Gesellschaft, an dem Umgang mit unseren Kindern und der Vernachlässigung kultureller Werte zu Gunsten anderer Ressorts seitens der Politik. Es fördert spielerisch und behutsam die jungen Leser*innen auf, Dinge zu hinterfragen und zeigt, wie lohnenswert es ist, mutig zu sein, sich neuen Herausforderungen zu stellen und über sich hinauszuwachsen! Zum Schluss noch ein kleiner Hinweis, weil der Cliffhanger am Schluss schon ein bisschen fies ist – Band 2 gibt es schon und der dritte wird im Frühjahr folgen!
Céline Robert: Liaisons
Oh là là – jetzt wird très französisch! Fünf Menschen in Paris – Lauren und Jean, schon
lange verheiratet, und das nicht unglücklich, sowie Nadia und Maxime, sie die klassische Schönheit, er der Prototyp des männlichen Aufreißers. Das Bindeglied zwischen den Paaren ist Babysitterin Emma, eine junge Studentin, mit einem unbedingten Glauben an ihr eigenes Glück. Jedes Mitglied dieses unterhaltsamen Liebesreigens darf mit seiner Sicht der Dinge zu Wort kommen und so entspinnt sich in fünf Kapiteln eine kurzweilige, charmante und vor allem knisternde Comédie-Française. Ein Roman über Macht, Begehren und Selbstbestimmung – Aber wahren Sie bitte stets den Schein! Übersetzt von Alexandra Baisch
Unsere September-Empfehlungen
Rebekka Frank: Stromlinien
Mit ihrem neuesten Roman legt Rebekka Frank eine Familiengeschichte über mehrere Generationen vor, die so spannend wie ein Krimi ist! Die beiden Zwillingsmädchen Enna und Jale wachsen naturverbunden bei ihrer Großmutter in den Elbmarschen auf – und zählen die Tage, bis ihre Mutter Alea aus der Haft entlassen wird, doch als es endlich soweit ist, verschwindet nicht nur Alea spurlos, sondern auch Jale. Bei ihrer Suche stößt Enna überall auf Mauern des Schweigens, irgendetwas muss in der Vergangenheit passiert sein, was so schwer wiegt, dass es niemand aussprechen möchte. Nach und nach erklären sich die Zusammenhänge, entfaltet sich die komplexe Geschichte der Frauen der Familie Egger in den Rückblicken der jeweiligen Vergangenheit. Mehr als nur einmal ist mir während der Lektüre ein erstauntes „Ah“ oder ein entsetztes „Nein!“ entfahren, wenn wieder ein neues Puzzleteil aufgedeckt wurde. In den spannenden Plot geschickt hinein geflochten sind gesellschaftliche Themen wie Umwelt, soziale Ungerechtigkeit und die Rolle der Frau. Für mich ist der Roman dem internationalen Bestseller „Der Gesang der Flusskrebse“ durchweg ebenbürtig!
Ralf Westhoff: Niemals nichts
Mit „Niemals Nichts“ legt der Münchener Regisseur (u. a. „Shoppen“) erstmalig einen
Roman vor – und was für einen! Sanft, zutiefst menschlich und erdend mit vielen ganz wunderbaren Sätzen und einer inne liegenden Weisheit.
Es ist Anfang des 19. Jahrhunderts. Liza und Maximilian, die sich schon von Kindesbeinen an kennen, heiraten, die Bauernhöfe ihrer Familien liegen direkt nebeneinander, es ist eine Zweckehe. Maximilians Vater hat seinen Hof beliehen und ist mit dem Geld verschwunden, er wollte noch nie Bauer sein, sondern in den neuen Landen der Musik nachjagen. Liza und Maximilian stehen vor dem Abgrund, kennen sich mit Bankwesen und Juristerei nicht aus, um ihren Hof vor dem Nepp der Kornhändler zu verteidigen. Doch in Liza erwacht der Kampfgeist und während die beiden jungen Leute lernen, wachsen und neue Wege beschreiten, wächst auch ihr Liebe wie eine zarte Pflanze. Gerade in unseren turbulenten Zeiten, ist dieser Roman eine wahre Wohltat für die Seele und bringt ganz viel innere Ruhe!
Rebecca F. Kuang: Katabasis
Im Urlaub bin ich mal wieder meinem Faible für High Fantasy nachgekommen und wieder schwer begeistert von Rebecca F. Kuangs neuestem Ouevre! Die Autorin ist gerade mal 29 Jahre alt, hat in Cambridge, Oxford und Yale studiert und für ihre Vorgängerbücher schon zahlreiche Awards eingeheimst. Ihre Studienzeit verarbeitet sie nun in Katabasis: Alice Law ist Studentin der Analytischen Magie an der Universität Cambridge, ihr Doktorvater der berühmt-berüchtigte Jacob Grimes. Als dieser an einem Unfall stirbt, an welchem sie sich nicht ganz unbeteiligt fühlt, beschließt sie, in die Unterwelt hinabzusteigen und Grimes aus der Hölle zu befreien. Ungünstig nur, dass ihr Kommilitone und Konkurrent Peter Murdoch auf dieselbe Idee gekommen ist. Mit Berichten von Dante, Orpheus und T. S. Eliot im Gepäck brechen die beiden auf, dennoch hält die Unterwelt so einige Überraschungen parat und Magie ist nicht immer die Lösung auf alles. Das Erstaunliche bei Kuang ist immer, dass nichts dem Zufall überlassen wird, alles ist bis aufs Kleinste durchdacht und je tiefer man in die Materie einsteigt, desto mehr Hinweise und Verbindungen tun sich auf. Sie vereint in Katabasis Philosophie mit Humor, Naturwissenschaften mit Mystik und kritisiert gleichermaßen den Universitätsbetrieb und seine veralteten Vorstellungen, gerade was Frauen in den Wissenschaften anbelangt. Katabasis stammt aus dem Altgriechischen und beschreibt die Heldenreise in die Unterwelt – die Reise mit Alice und Peter dorthin ist ein fulminantes Spektakel, durchzogen von Rätseln und Formeln, die allesamt ein höllisches Vergnügen bereiten, sie auszuknobeln und zu hinterfragen!
Minna Rytisalo: Zwischen zwei Leben
In Finnland wird dieser leise Roman jetzt schon als feministisches Manifest gehandelt, mir
hat besonders gut die Herangehensweise an das Thema des Älterwerdens als Frau gefallen. Als die Kinder aus dem Haus sind beendet Jenni Mäki von einem Tag auf den anderen ihre unglückliche Ehe mit Jussi und wagt als Jenny Hill den Neuanfang. Stets an ihrer Seite ist dabei ein Chor an weiblichen Märchenfiguren, die Jenni schon seit ihrer Kindheit begleiten und scharfzüngig die Ansprüche kommentieren, denen Mädchen und Frauen immer noch gerecht werden sollen. Nach und nach erfahren wir so z. B. auch die wahre Geschichte von Rapunzel, Aschenputtel, Rotkäppchen und Co. Eine sehr kluge Geschichte über eine Frau, die in der Mitte ihres Lebens nochmal neu anfängt und zu sich zurückfindet und ein intelligentes Gedankenspiel, auf welchen wahren Begebenheiten die gängigen Märchen und ihre Figuren beruhen könnten.
Unsere August-Empfehlungen
Jacqueline Kornmüller: 6 aus 49
Lina, die Großmutter der Autorin, tritt Ende der 1920er-Jahre als junge Frau ihren Dienst im legendären Hotel Clausing in Garmisch an, noch bevor der Ort mittels eines Bindestriches für immer mit Partenkirchen verbunden sein wird. Sie ist in bitterer Armut aufgewachsen und das soll ihr und ihren Lieben nie wieder passieren. Wie viele Frauen in dieser Zeit ist sie durch harte Arbeit und viel Erfindergeist ihres eigenen Glückes Schmiedin – und überzeugt, dass dieses immer mit ihr ist. So verhilft ihr der Zufall auch bald zu einem eigenen Hotel, der Amalie, und trotz der kommenden schicksalsschweren und arbeitsreichen Jahre wird dieses ein voller Erfolg. Nebenbei spielt Lina leidenschaftlich Systemlotto, denn das Glück ist ja mit ihr, wieso also auch nicht hierbei …
Der Sprachstil dieses Romans ist erfrischend eigenwillig und es gibt sprachlich wie auch inhaltlich ganz viel zu entdecken! Jacqueline spielt mit den Wörtern wie ihre Großmutter mit den Lottozahlen – gekonnt, wagemutig und angefüllt mit Reichtum. Denn dieser Roman ist reich an Heimatgeschichte, reich an starken Frauen, reich an zu Herzen gehenden Schicksalen und vor allem reich an fabelhaftestem Sprachwitz. Ein wunderbares Denkmal für eine außergewöhnliche Frau und damit auch irgendwie ein Denkmal für all die Linas, die es auch in unseren Familien gegeben hat!
Nina George: Die Passantin
Also diese Autorin macht mich fertig! Sie schreibt schon sehr lange ganz wunderbare
Romane („Das Lavendelzimmer“ ist eines ihrer bekanntesten), vor Kurzem hat sie mich mit dem Jugendroman „Die magische Bibliothek der Buks“ vom Hocker gehauen und jetzt kommt ein Roman, der so was von eindringlich unter die Haut geht, dass ich mich frage, wie dies alles aus ein und derselben Feder stammen kann!
Jeanne Patout ist eine weltweit bekannte französische Schauspielerin. Nach einem Dreh in Barcelona steht sie am Flughafen und merkt, sie kann einfach nicht mehr in ihr Leben zurück, zurück zu ihrem herrischen Ehemann, und all den Zwängen, die damit einhergehen. Sie schlüpft nach dem Boarding durch eine Baustelle und hinein in die Anonymität der Gassen Barcelonas und wird von einer Gruppe von Frauen aufgenommen, denen das Schicksal übel mitgespielt hat. Das Flugzeug, in dem Jeanne offiziell sitzt, stürzt in den Alpen ab und alle Welt, inkl. ihres Mannes und der zwei erwachsenen Töchter glaubt an ihren Tod. Jeanne baut sich ein neues Leben auf und in Rückblenden erfahren wir Stück für Stück ihre Geschichte – bis sie vier Jahre später zufällig in der La Rambla ihrem Mann wieder begegnet … Raffiniert komponiert und spannend bis zum Schluss!
Chris Broad: Abroad in Japan
Chris Broad ist 22, als er für das Internationale Austauschprogramm JET nach Japan reisen darf. Dort soll er Englisch unterrichten. Große Anforderungen an die japanischen Lehrkräfte, die Englisch unterrichteten, gab es anscheinend nicht. Man musste zwar ein paar schriftliche Prüfungen ablegen, aber keinerlei Sprachpraxis vorweisen. „Chris ist ein London“, so wurde er in den ersten Stunden den Schüler*innen vorgestellt. In der Schulklasse ist vor allem darauf zu achten, dass niemand beschämt wird und man sich gegenseitig unterstützt. Ein kleines Nickerchen am Tisch wird als Beweis der harten Arbeit angesehen und mit Verständnis betrachtet. Doch nicht nur das irritierte ihn, er hatte zwar in London schon Sushi gegessen, aber auf „Shiokara“ ist er nicht vorbereitet. Die fermentierten Tintenfischinnereien hat er genau ein Mal bestellt. Er ist unerfahren, ohne Sprachkenntnisse, ohne Plan, auch unerschrocken und mit ganz viel Humor ausgestattet und so nimmt er uns mit auf eine sehr persönliche, humorvolle Reise durch Japan. Zu meiner Freude schreckt Chris wirklich vor nichts zurück! Im Hostess Club erlebt er die Kunst der teuren Begleitung, im Liebeshotel will es nicht klappen und ein Besuch im Onsen mit einer Wassertemperatur von 46 Grad wird auch nicht als Genuss empfunden. Wie gerne habe ich Chris Broad auf seiner Reise durch die 47 unterschiedlichen Präfekturen begleitet! Er ist nach den zwei vereinbarten Jahren nicht zurück nach England gegangen, sondern ist im Land geblieben und hat einen der größten YouTube-Kanäle in Japan. Mein guter Rat an Sie: Lesen, lachen, buchen. So habe ich es gemacht. Übersetzt aus dem Englischen von Jörn Pinnow (Ein persönlicher Tipp von Petra Schulz).
Timothy Snyder: Über Tyrannei
Der Historiker Timothy Snyder gibt in 20 Lektionen Verhaltensvorschläge mit besonderem
Fokus auf die Gefährdung der Demokratie. Seine Tipps und Thesen sind klug, knapp und hilfreich und dienen zur Prävention möglicher autoritärer Herrschaft. Snyder weiß, dass Demokratien jederzeit von innen ausgehöhlt werden können und dass es einer wehrhaften Zivilgesellschaft bedarf, um dieser Gefahr entgegen zu treten. Seine historischen Lektionen sind ein Leitfaden für alle, die jetzt handeln wollen und nicht erst, wenn es zu spät ist. Dieses Büchlein ist 2017 erschienen, aber aktueller denn je. Lektion 8 – „Setze ein Zeichen“. Diese Buch tut es, tun Sie es auch. Übersetzt aus dem Englischen von Andreas Wirthensohn (Ein persönlicher Tipp von Petra Schulz).
Unsere Juli-Empfehlungen
Doris Knecht: Ja, Nein, Vielleicht
Eine Frau um die 50, Schriftstellerin, geschieden mit zwei erwachsenen Kindern. Sie pendelt mit Hund Mulder zwischen einer Stadtwohnung und einem idyllisch gelegenen Häuschen auf dem Land. Zu ihrer Mama und ihren vier Schwestern besteht ein herzlicher Kontakt, ihr bester Freund und ihre beste Freundin sind immer für sie da. Sie ist frei und unabhängig, weiß ganz genau, was sie möchte und was nicht. So könnte es doch bleiben, oder? Nein? Stimmt, immerhin reden wir hier von Doris Knecht! Drei Ereignisse wirbeln die verdiente Ruhe unserer Protagonistin durcheinander: ein schmerzender Zahn, eine ihre Stadtwohnung besetzende kleine Schwester und eine plötzlich auftauchende damalige Liebschaft in engen Radlerhosen. Die Dinge, die nun ins Rollen kommen, werden mit dem gewohnten Knechtschen Humor betrachtet und kommentiert. Herrlich selbstironisch und gesellschaftskritisch, aber auch voll Wärme und leichtfüßig erzählt.
Christopher Kloeble: Durch das Raue zu den Sternen
Die 13jährige Arkadia ist ein ganz besonderes Mädchen: musikalisch hochbegabt, mit
reichlich Fantasie ausgestattet und einem Urvertrauen, dass ihr die Welt zu Füßen liegt und sie alles erreichen kann, was sie nur möchte. Ein Knabenchor ist nur für Jungs? Pah, das gilt nicht für Arkadia! Immerhin gilt es, auf eine große Bühne zu gelangen, um die Aufmerksamkeit ihrer verschwundenen Mutter zu erlangen und sie so nach Hause zurückzuholen. Stück für Stück erfahren wir Arkadias zu Herzen gehende Geschichte, eingekleidet in Sätze, in denen man baden möchte, so schön und treffend sind sie formuliert. Der lakonische Humor und Sprachwitz runden dieses fantastische Leseerlebnis perfekt ab! Wer die Bücher von Mariana Leky liebt, wird in diesem Roman auf jeden Fall ein neues Zuhause finden. Definitiv eines meiner Lieblingsbücher diesen Jahres!
Ben Shattuck: Die Geschichte des Klangs
Die beiden hochmusikalischen jungen Männer Lionel und David lernen sich im Schatten des Ersten Weltkrieges in einer Musikkneipe kennen, werden ein Paar und wandern einen Sommer lang durch das ländliche Amerika von vor über hundert Jahren, um Balladen, Songs und Melodien aufzuzeichnen. All das soll vor dem Vergessen bewahrt und mit Hilfe von Wachswalzen in einem sogenannten Phonographen festgehalten werden. Beide erleben einen unvergleichlichen Sommer voll von Intensität und Sorglosigkeit, doch dann verschwindet David plötzlich. Die Walzen fallen viele Jahre später einer jungen Frau beim Aufräumen ihres neuen Hauses in die Hände. Sie nimmt Kontakt zu der Ehefrau Davids auf und die Liebe klingt erneut nach. Lionel erklärt als 84jähriger Mann, dass David die Liebe seines Lebens war. Alles, was er von seinem Freund noch hatte, hat er ein Leben lang aufbewahrt. 100 Seiten kurz ist dieser poetische, melancholische Roman, in dem sehr viel Unausgesprochenes zwischen den Zeilen mitschwingt. Unaufgeregt, ruhig, ganz ohne Pathos erzählt er von einer Liebe, die erst nach ihrem Ende als vollkommen erkannt wurde. Das offene Ende des Buches hallt noch lange nach und lässt Platz für eigene Deutungen. Ben Shattuck ist für mich eine beglückende literarische Entdeckung, die ich gerne mit Ihnen teilen möchte (ein persönlicher Tipp von Petra Schulz). Übersetzt aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren.
Polly Clark: Ocean
Die Protagonistin Helen hat nach einem Attentat in der Londoner U-Bahn Schlimmes
erlebt. Nur ihrem Retter James hat sie ihr Leben zu verdanken und so ruft sie auch nach ihm und nicht nach ihrem Ehemann, als sie nach langer Bewusstlosigkeit wieder erwacht. Von da an beherrscht James all ihre Gedanken. Ihre Familie steht ihrer Obsession hilflos gegenüber. Kistenweise Post schreibt sie an ihn, Helen steht unter dem Einfluss von Psychopharmaka und ist fast nicht mehr erreichbar. Da kommt Ehemann Frank ein zündender Gedanke. Wie wäre es, nochmals auf der Innisfree zu segeln? Schließlich hatte sich das Paar dort kennengelernt und unvergessliche Stunden auf See verbracht. Das Boot wird also hergerichtet, die ganze Familie samt Pflegetochter Sindi gehen an Bord. Nun schlagen auch die Naturgewalten zu und die Familie droht, buchstäblich den Boden unter den Füßen zu verlieren. Ein sehr spannender Pageturner, die perfekte Urlaubslektüre – nur zum Segeln würde ich dieses Buch nicht mitnehmen (ein persönlicher Tipp von Petra Schulz). Übersetzt aus dem Englischen von Ursula C. Sturm
Unsere Juni-Empfehlungen
Kerstin Holzer: Thomas Mann macht Ferien
Bayern, 1918. Die Familie Mann hat ein Haus am Tegernsee gemietet, um dort zwei Monate lang die Sommerfrische zu genießen und den Wirren und Entbehrungen des Krieges zu entfliehen. Zwei Monate begleiten wir die Schriftstellerfamilie – und auch andere Künstler*innen von Rang und Namen wie z. B. Ludwig Thoma oder Bertold Brecht – bei ihrem Erholungsurlaub vor Bergpanorama. Leichte Lektüre? Ja! Oberflächlich? Nein! Holzer schafft es, ungemein charmant und abwechslungsreich das Gefühl der Zeit einzufangen, und uns einen Thomas Mann nahezubringen, den man so noch nicht kannte, ohne Dinge zu verschweigen oder schön zu reden. Und sie lässt vieles so anklingen, dass es neugierig macht, sich in weiterer Lektüre ob des Mann-Kosmos zu vertiefen. Sogar Enkel Frido Mann hat dem kleinen Büchlein seinen Segen gegeben, indem er sagt: „Ein meisterhaftes Psychogramm, das in Thomas Mann einen nachdenklichen, überraschend menschlichen Künstler voller Ambivalenzen entdeckt. Ich habe diese Tour de Force eines inneren Wandels mit Staunen und echter Anrührung gelesen.“
Ayelet Gundar-Goshen: Ungebetene Gäste
Was soll man anderes sagen – Sie kann es einfach! Nach „Löwen wecken“ und „Wo der
Wolf lauert“ wieder ein unfassbar spannendes Psychogramm menschlicher Abgründe und Schuldfragen vor dem Hintergrund des Nahostkonflikts.
Die Geschichte nimmt ihren Anfang in Tel Aviv. Naomis Mann, Juval, hat einen Handwerker beauftragt, die Balkonbalustrade ihrer Wohnung auszubessern. Begeistert ist sie nicht, und versucht, ihren einjährigen Sohn Uri von dem Handwerker fernzuhalten, denn es ist ein Araber, und da muss man schließlich vorsichtig sein. Das Unglück passiert, als der Handwerker kurz auf der Toilette ist und Naomi in der Küche – Uri krabbelt auf den Balkon und stößt aus Versehen einen Hammer über die Brüstung, welcher unten einen jungen Mann tötet. Natürlich fällt der Verdacht sofort auf den arabischen Handwerker und nicht auf die israelische Familie … Und schon befinden wir uns in einem perfiden Netz an Verstrickungen, Ängsten, Schuldgefühlen und politisch-gesellschaftlichen Spannungen.
Charlotte McConaghy: Die Rettung
Meine Leseempfehlung für die ganz heißen Tage: „Die Rettung“ von Charlotte McConaghy, übersetzt aus dem Engl. von Jan Schönherr. Ich kann mich nicht erinnern, jemals bei der Lektüre so oft Gänsehaut bekommen zu haben, und dass bei knapp 30 Grad draußen!
Die Geschichte nimmt uns nicht nur mit auf eine verlassene Insel irgendwo zw. Australien und der Antarktis, die an rauer Schönheit und an Vielfalt von Flora und Fauna nicht zu überbieten ist (diese Naturbeschreibungen, schmelz), sondern auch zu Dominic Salt und seinen drei Kindern, die sich um den dortigen Saatgutbunker kümmern sollen. In einer Sturmnacht wird Rowan angespült und mit ihrer Ankunft jagt ein spannender und dramatischer Moment den anderen. Und das kann so auch nur McConaghy: Obwohl ihre Figuren tiefe Verletzungen erfahren haben, die Natur um sie herum in großer Gefahr ist, schafft sie viele tröstliche Momente voller Ehrfurcht ob der Schönheit unserer Welt und reichlich Lebensmut durch den Rückhalt einer familiären Gemeinschaft.
Kein Wohlfühlbuch, aber definitiv ein Leseerlebnis, das tief in die Seele vordringt und lange nachhallt!
Benjamin Wood: Der Krabbenfischer
Thomas Flett kennt das Meer wie kein anderer. Sein Großvater hat ihm den Beruf des
Krabbenfischers beigebracht. Doch das Meer verändert sich und ihm gehen immer weniger Krabben ins Netz. Egal, wie viel er arbeitet, es reicht nur zu einem kargen Leben. Genug zu essen oder Strom, das ist oft die Frage. Sein Leben teilt er mit seiner Ma und mit seinem Pferd. Seine Mutter war 16 Jahre, als sie ihn bekam, über den unbekannten Vater hört er nichts Gutes. Mit knapp zwanzig Jahren scheint schon alles für Thomas gelaufen zu sein. Die harte Arbeit hat bereits zu körperlichen Beschwerden geführt, aber es gibt kleine Fluchten, und das ist die Musik. Heimlich übt er Songs auf seiner Gitarre um irgendwann im Lokal Fishers Rest auf der Bühne zu stehen, heimlich schwärmt er für die Schwester seines Freundes. Alles ist wie immer, alles würde bleiben wie immer, wäre nicht der Regisseur Edgar Acherson auftaucht. Der möchte einen aberwitzigen Roman verfilmen und seine Idealbesetzung ist – Thomas Flett.
Kraftvoll, poetisch, zutiefst menschlich mit viel Platz für Überraschungen, hat mich dieser Roman von der ersten Seite an begeistert. Von den fünf Romanen von Benjamin Wood ist dies der erste in deutscher Übersetzung von Werner Löcher-Lawrence und ich hoffe sehr, dass die anderen bald nachfolgen. Ein persönlicher Tipp von Petra Schulz
Unsere Mai-Empfehlungen
Nadège Kusanika: Unter derselben Sonne
Nadège wächst in der Nähe von Kinshasa auf und übt sich schon als Kind im Wettstreit darum, wer die schönste „Lisolo“, die schönste Geschichte, erzählen kann. Und dazu braucht es nicht mehr als Fantasie und ein Stöckchen, um in den Boden zu zeichnen. Die Autorin nimmt uns mit in eine Welt, in der das Leben wahrlich nicht einfach ist, und gleichzeitig das Leben durch seine Einfachheit wesentlich entspannter, bodenständiger und mit allem verbunden ist. Da hat halt das Wasser schon mal „einen schlechten Tag“ und der Strom ist gerade irgendwo „im Nirgendwo“ unterwegs, macht nichts, auch daraus lässt sich etwas Positives gewinnen. Die Buntheit und Vielfalt der kongolesischen Kultur wird uns in diesem verspielt geschriebenen Roman ebenso nahegebracht wie der Stolz der dortigen Frauen und die Selbstverständlichkeit des familiären Zusammenhalts, ohne dass es je kitschig wird, oder den Ernst der Lage im krisengebeutelten Kongo verschweigt. Nadège ist 15, als sie aus der Demokratischen Republik Kongo zu ihrem Vater nach Deutschland zieht und sich nun ganz anderen Herausforderungen gegenüber sieht … Ihren Mut und ihre Lebensfreude verliert sie dabei nie und so macht es unheimlich viel Freude, ihrer ganz persönlichen Lebens-Lisolo zu lauschen!
Garrett Carr: Der Junge aus dem Meer
Ein kleines Baby wird in einem Fass an der Küste Donegals angespült und sorgt für
reichlich Aufregung unter den Dorfbewohner*innen. Ambrose, der Fischer, und seine Frau Christine adoptieren den Jungen, der fortan den Namen Brendan Bonnar trägt. Seine Herkunft bleibt ein Rätsel und auch sein Charakter gleicht nicht gerade einem offenen Buch. Dennoch wird er herzlich in die Gemeinschaft integriert und wir folgen dem Leben der Familie für zwanzig Jahre. Es ist ein hartes und einfaches Leben, geprägt von finanziellen Sorgen, der Rivalität unter den ungleichen Brüdern, erfüllt vom dörflichen und familiären Zusammenhalt, von Liebe und Akzeptanz untereinander. Ein ganz wunderbar warmherziger irischer Familienroman zum Eintauchen, Schmunzeln und Durchatmen. Übersetzt von Kathrin Razum
Anne Freytag: Blaues Wunder
Boah, was für ein fieser Roman! Anne Freytag beweist auch in diesem ihrem neuen Roman ihr Gespür für menschliche Abgründe und moralische Fallstricke. Der Chef einer Bank lädt zum Urlaub auf einer Superluxusyacht in philippinischen Gewässern ein. Mit an Bord kommen seine Frau und sein Sohn sowie seine zwei engsten Mitarbeiter nebst Ehefrauen, die ihren Männern vor allem als schmückendes Beiwerk dienen sollen. Über allem schwebt das Gefühl, dass dies nicht nur ein normaler Urlaub ist, sondern der Chef hier seinen Nachfolger bestimmen wird. Und so folgt ein viertägiges Kammerspiel, jeweils abwechselnd aus der Perspektive der drei Frauen erzählt, mit hinterhältigen Machtspielchen und raffiniert komponierten Einblicken hinter die diamantglitzernden Fassaden der Paare. Der bissige und lakonisch anmutende Ton, der sich ganz wunderbar um die unterschwellige Spannung schlängelt, macht den Roman zu einem Lesevergnügen der ganz besonderen Art.
Annett Gröschner: Schwebende Lasten
Als „schwebende Last“ bezeichnet man eine Last, die von einem Kran oder einem anderen
Hebezug angehoben und in der Luft gehalten wird. Das Leben von Hanna Krause, geboren 1913 in Magdeburg, war schwerer als manche Last, die sie mit dem Kran angehoben hatte. Zuerst war sie Blumenbinderin im „Knattergebirge“, einem Armenviertel in Magdeburg. Mit Liebe zu allen Blumen, großem Geschick und ausgefallenen Geschäftsideen ist sie erfolgreich, bis der Krieg ihr diesen Traum nimmt und sie, trotz Höhenangst, Kranfahrerin wird. Um ihre vier Kinder sowie ihren einbeinigen Mann Kurt über die Runden zu bringen schreckt sie vor nichts zurück. Es wird getauscht. Findig, wie sie ist, tauscht sie Muttermilch gegen Schrot und Korn, Kohlen oder Nähzeug, alles verstaut in einem extra angefertigten Mantel. Lakonisch und schnörkellos wird über ihr bewegtes Leben und ganz nebenbei auch über deutsche Geschichte erzählt. Bombenangriffe, zwei Kinder verloren, die Schwiegermutter verbrannt aufgefunden – selbst über das Schrecklichste, was Hanna auszuhalten hatte, wird unsentimental berichtet. Ihr Leben ist exemplarisch für das Leben vieler unsichtbarer Frauen, die nicht aufgegeben haben, sondern sich den Herausforderungen dieser schweren Zeit jeden Tag auf das Neue gestellt haben. Anständig wollte sie bleiben, das hat sie geschafft. Jedes der 25 Kapitel fängt mit der Beschreibung einer Blume an. Denn es waren die Blumen, die Hanna nicht verzweifeln ließen, und sie zusammen ergeben zum Schluss einen dicken Strauß eines gelebten Lebens.
Unsere April-Empfehlungen
Bettina Wilpert: Die bärtige Frau
Lakonisch und offen und ehrlich erzählt Bettina Wilpert von Alex, die ins bayerische Heimatdorf ihrer Mutter reist und das erste Mal von ihrem einjährigen Kind getrennt ist. Mit der Distanz merkt sie, wie sehr der kleine Körper dem ihren eingeschrieben ist, was einige Gedanken auf den Plan ruft.
„Bettina Wilpert liefert in „Die bärtige Frau“ eine eindringliche Darstellung von Mutterschaft im Deutschland des 21. Jahrhunderts.“ lobt Simon Sahner von der taz den kürzlich erschienenen Roman. Und er ist noch so viel mehr: Ein queere Coming-of-Age-Story, eine persönliche Reflektion über Rollenerwartungen von innen wie von außen, eine radikale Beschreibung der körperlichen Veränderungen durch die Mutterschaft und viele kluge Gedanken über weibliche (aber nicht nur) Fremd- und Selbstbestimmung. Gekonnt und mit Leichtigkeit vereinbart sie sowohl die Sonnen- als auch die Schattenseiten von Mutterschaft und Frausein.
Liz Moore: Der Gott des Waldes
Achtung, Suchtgefahr! Diesen dicken Wälzer habe ich in zwei Tagen regelrecht eingeatmet!
Der spannende Plot rund um das Verschwinden zweier Geschwister aus reichem Hause in einem amerikanischen Nationalpark zu Zeiten der 1950er- und 1960er-Jahre hat alles, was ein richtiger Pageturner braucht: Gestalten, mit reichlich Ecken und Kanten, eine überhebliche Obrigkeit und eine Ermittlerin mit einem untrüglichen Gerechtigkeitssinn. Vielmehr als ein Krimi ist dieser Roman eine Kritik am Klassensystem und ermöglicht gleichzeitig das Abtauchen in die grüne, mystische Welt der Adirondack Mountains. Wie Dirty Dancing, nur in spannend! 😉 Übersetzt von Cornelius Hartz
Kristine Bilkau: Halbinsel
Wie schon die Vorgängerromane „Nebenan“ und „Die Glücklichen“ zeichnet sich auch der neue Roman der frischgebackenen Leipziger Buchpreisträgerin durch den unverwechselbaren Bilkau-Sound aus. Der ruhige Erzählton der Autorin scheint oberflächig dahinzumäandern, taucht man aber tiefer hinein, findet sich eine Vielzahl an Themen, die zum Nachdenken anregen. So ist es eben nicht nur ein Generationenkonflikt zwischen Mutter und Tochter in sommerlicher Nordsee-Atmosphäre, sondern ein Tauchgang zu verpassten Gelegenheiten, moralischen Grundsätzen, unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten und der Erschöpfung der Erde. Ein Roman, der lange nachhallt!


